Lichtfest Leipzig 2021

Messestadt erinnert am 9. Oktober wieder an Wende
Montag, 20. September 2021

Mit dem Lichtfest erinnert Leipzig am 9. Oktober 2021 wieder an die friedliche Revolution. Statt einem festen Bühnenprogramm auf dem Augustusplatz wird es ein dezentrales Konzept geben um mit dem Lichtfest Leipzig an die mehr als 70 000 Menschen zu erinnern, die am 9. Oktober 1989 auf dem Innenstadtring zusammenkamen um friedlich gegen den autoritären SED-Staat zu protestierten.

 

Friedensgebet und Rede zur Demokratie

So nimmt die Kirchgemeinde St. Nikolai Leipzig wieder mit einem besonderen Friedensgebet auf die Ereignisse von 1989 Bezug, als viele Menschen inmitten unsicherer Verhältnisse in der Nikolaikirche Mut und Hoffnung fanden. „Demokratie, die weitergeht“ – unter diesem Motto steht das Friedensgebet 2021. Die Predigt hält der Pfarrer und Bürgerrechtler Stephan Bickhardt, Direktor der Evangelischen Akademie Meißen. Ina Rumiantseva vom Verein Belarusische Gemeinschaft RAZAM wird ein Jahr nach den brutal aufgelösten Protesten infolge der umstrittenen Wahl vom August 2020 über Weißrussland sprechen. Die Aktivistin ist Organisatorin eines regelmäßigen Friedensgebets für Belarus in der Berliner Geth-semanekirche. Für die musikalische Begleitung sorgt Pfarrer, Liedermacher und Autor Clemens Bittlinger mit Band.

Die diesjährige Rede zur Demokratie am 9. Oktober in der Nikolaikirche wird der Bürgermeister der Stadt Kiew, Dr. Vitali Klitschko, halten. Die 2001 begonnene Veranstaltungsreihe gehört zu den Höhepunkten am „Tag der Freiheit“ in Leipzig, bei der neben Vertretern der bundesdeutschen Verfassungsorgane Persönlichkeiten sprechen, die sich um die Demokratie in Europa verdient gemacht haben. Mit der Orangenen Revolution 2004/05 und der Revolution der Würde 2013/14 protestierten Bürger in Kiew und der gesamten Ukraine, mit dem Ziel, Demokratisierungsprozesse einzuleiten.

Grußworte, u.a. von Oberbürgermeister Burkhard Jung und weiteren Ehrengästen, markieren auf dem Nikolaikirchhof den Start des Abends und begleiten das Entzünden der Kerzen-89. Die Grußworte werden auf eine LED-Wand am Markt übertragen. Musikalische Umrahmung: Canella-Trio Leipzig (Magdalena Steinberg, Cello; Anna-Katharina Reuter, Querflöte; Felicitas Ressel, Klarinette) Die traditionelle Kerzen-89 wird im Laufe des Abends von den Besucherinnen und Besuchern mit tausenden Teelichtern zum Leuchten gebracht. Der Großteil der verwendeten Teelichter kommt von dem Leipziger Start-up NatürLicht. An allen Infoständen in der Innenstadt erhalten Besucher kostenlos Kerzen.

Für die Teilnahme an den Veranstaltungen in der Nikolaikirche ist keine Voranmeldung notwendig. Es gilt die 3G-Regel, nach der nur Geimpfte, Genesene und Getestete Zutritt zu den Veranstaltungen erhalten. Maskenpflicht sowie Abstands- und Hygieneregeln sind gültig.

 

Lichtfest Leipzig 2021

2021 präsentiert sich das Lichtfest Leipzig mit einem neuen, dezentralen Konzept. Wichtigste Änderung: Statt wie bislang ausschließlich auf dem Augustusplatz ist das Lichtfest in diesem Jahr an mehreren Orten innerhalb des Rings zu Gast, an denen von 19 bis 23 Uhr Lichtinstallationen zu erleben sind. Neu ist ebenfalls, dass es kein Bühnenprogramm gibt. Besucherinnen und Besucher können so den ganzen Abend nutzen, um alle Installationen und die Kerzen-89 in loser Reihenfolge aufzusuchen. Die Kerzen-89, die traditionell von den Besuchern zum Leuchten gebracht wird, steht auf dem Nikolaikirchhof. Dort gibt es um 19 Uhr kurze Grußworte mit musikalischer Umrahmung. Wie schon im Vorjahr können die Leipzigerinnen und Leipziger im Vorfeld des Lichtfestes wieder symbolisch Kerzenpatenschaften übernehmen.

 

Drei Standorte, drei Perspektiven:

Auch wenn Leipzig vielfach exemplarisch als Symbol für das Gelingen eines friedlichen Umbruchs steht, geht es letztlich doch um ein gesamteuropäisches Thema. Deshalb hat das Kuratorium „Tag der Friedlichen Revolution 1989“ gemeinsam mit der Stadt Leipzig drei europäische Künstlerteams nach Leipzig eingeladen. Unter dem Leitgedanken „Das Licht breitet sich in der Stadt aus“ werden der Augustusplatz, der Burgplatz und der Richard-Wagner-Platz am 9. Oktober zu Lichtorten. Die Künstlerteams aus Deutschland, Ungarn und Spanien zeigen dort ihre Perspektive auf den Herbst 89. Die Schlagworte Transformation, Erinnerung und Nachhaltigkeit setzen den jeweiligen Grundakzent der Projekte.

Besonderheit: Lokale Partner und Workshops

Alle Künstler haben lokale Kooperationspartner aus der Stadtgesellschaft, mit denen sie ihre Lichtinstallation entwickeln und umsetzen. Im Sommer gab es zu allen Lichtprojekten intensive mehrtätige Workshops, die Inhalte und Schwerpunkte definierten. Beim Lichtfest wird an jedem Standort ein Video gezeigt, das diesen gemeinsamen kreativen Prozess dokumentiert. Die Videos sind auf der Lichtfesthomepage [www.lichtfest.leipziger-freiheit.de]www.lichtfest.leipziger-freiheit.de abrufbar. Die Partner/Vereine kommen aus den Bereichen Erinnerungskultur/Aufarbeitung, Umwelt und soziales Engagement. Auch mehrere Schulen sind beteiligt.

Die Lichtfeststandorte im Detail (jeweils 19-23 Uhr):

Augustusplatz: „WIR SIND“ – partizipative Videoinstallation Diese Installation braucht das WIR um zu SEIN.

Zentrum der Installation ist ein 3,5 Meter hoher Turm mit zwanzig Laserprojektoren. Diese projizieren ein zusammenhängendes Bild, aber es gibt keine konkrete Fläche, auf die die Geräte abzielen, sondern es stehen 300 weiße Banner bereit, die sich die Besucherinnen und Besucher nehmen und dafür nutzen können, das Bild, das sonst nur frei in der Luft schweben würde, einzufangen - einem Bildschirm gleich. Die projizierten Motive sind aus historischen Aufnahmen montiert, die aus 5 verschiedenen Archiven stammen bzw. aus Material, das bei dem Workshop entstand. Ein einzelner kann einen kleinen Teil sichtbar machen, wenn sich mehrere Personen zusammenfinden, erscheint ein größeres Bild. Die Menschen können sich so zu einer friedlichen Demonstration vereinigen, um an jene zu erinnern, die 1989 mutig für Freiheit und Demokratie auf die Straße gegangen sind. Eine abstrakte Soundcollage mit Klängen von 1989 – Musik, Demogeräusche, Zeitzeugenstimmen – komplettiert die Installation.

Künstler: Glowing Bulbs/ Tamás Zádor, Márton Noll Glowing Bulbs ist eine Künstlergruppe mit Standorten in Budapest und New York, die weltweit Projekte realisiert. Glowing Bulbs entwickelte sich 1998 aus Budapests lebendiger freier Untergrundszene und war von Anfang an eine wichtige Stimme in Ungarns Kunstwelt. Dank verschiedener Techniken wie Mapping, Video und Immersion entstehen Projekte, die weit mehr als reine Lichtobjekte sind. Tamás Zádor (Medienkünstler) und Márton Noll (Architekt und Medienkünstler) haben die Ereignisse von ´89 als Kinder im Alter von 8 bzw. 11 Jahren erlebt. WIR SIND haben sie speziell für das Lichtfest Leipzig entwickelt.

Burgplatz: „Ring (do/undo/redo)“ – dynamische und begehbare Lichtinstallation „Die Frage lautet doch oft: Wer ist drin, wer ist draußen?“

Eine begehbare, dynamisch beleuchtete Rotunde mit rund 10 Metern Durchmesser und knapp drei Metern Höhe erwartet die Lichtfestbesucher auf dem Burgplatz. Sie ist innen vollständig mit 450 spiegelnden Ballons bedeckt, die sowohl das Licht der Videoprojektion als auch die Besucher reflektieren. Die Außenseite der Rotunde ist mit 1400 weißen Latexballons bestückt, die das niedrig aufgelöste Video verschwimmen lassen. Die Besucherinnen und Besucher können ihren Standpunkt wählen und wechseln – das Bild, die Perspektive ist immer anders, sie können nach innen oder außen treten. Denn das ist ja oft die Frage: Wer ist drin, wer ist draußen? Bin ich ein- oder ausgeschlossen? Das Zusammenspiel aus Brechung, Reflexion, Verzerrung zeigt die Betrachter aber eben nie real und konfrontiert sie mit der Frage: Auf welcher Seite stehe ich? „Ring“ spielt so mit Raum und atmosphärischer Wahrnehmung und konzentriert sich auf die immersive Erfahrung der Besucher. Raum und Materialien laden fast spielerisch dazu ein, die Installation zu entdecken, sich darauf einzulassen, durch Spiegelungen und andere Effekte neue Bilder von sich zu kreieren. Drei der insgesamt 12 Paneele werden von lokalen Kooperationspartnern mit recycelten durchsichtigen oder reflektierenden Materialien gestaltet und nehmen damit Bezug auf den Untertitel do/undo/redo.

Künstler: Brut Deluxe: Ben Busche, Miguel de Guzmán Ben Busche und Miguel de Guzmán vom Architektur- und Designstudio Brut Deluxe sind Architekten, arbeiten aber vorrangig mit Licht. Sie leben in Madrid und realisieren seit mehr als 20 Jahren weltweit Projekte in den Bereichen Architektur, 7 Produktdesign und Kunst. Gemein ist allen Projekten ein Interesse für das Erleben von Raum und die Schaffung von künstlichen Atmosphären, meist durch den Einsatz von Licht.

Richard-Wagner-Platz: „89 Stimmen“ – interaktives Lichtprojekt „Wenn niemand gekommen wäre, wäre auch nichts passiert.“

„89 Stimmen“ ist ein interaktives Lichtlabyrinth aus Text, das nur durch die Anwesenheit von Besucherinnen und Besuchern sichtbar wird. „Wenn niemand gekommen wäre, wäre auch nichts passiert.“ Diese einfache Tatsache und damit den Mut und die Entschlossenheit aller, die 1989 auf die Straße gingen, greift „89 Stimmen“ symbolisch auf. Denn erst durch die Menschen, die sich auf dem Platz bewegen, werden die Schriftelemente freigelegt. Die Lichtprojektionen werden so gesteuert, 8 dass sie nur um die Betrachterinnen und Betrachter herum entstehen. Je mehr Menschen sich einfinden, desto größer wird das Mosaik an Zeitzeugnissen, das in ständigem Fluss ist und sich interaktiv verändert. Mit jedem Schritt kommt buchstäblich mehr Inhalt ans bzw. ins Licht. Je mehr Personen gleichzeitig da sind, umso mehr Botschaften sind zu lesen. Besonderheit der Zitate: Alle stammen von Frauen, die 1989 aktiv an der Friedlichen Revolution beteiligt waren, geben deren besondere Perspektive wieder. Greifbar sind die Texte allerdings nicht, sondern flüchtig wie ein Flüstern. Ihr Kommen und Gehen liegt allein in der Hand der Besucher. Und: Wenn keiner kommt, wird nichts zu sehen sein. Begleitet wird die Lichtinstallation von einer Klangcollage, in der sich die lauten und leisen Töne von damals, die Parolen und Ängste mit den Gedanken von heute künstlerisch verbinden und so auch akustisch eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen. Flüchtige Fotoprojektionen zeigen ergänzend die Gesichter hinter den Stimmen.

Künstler: Loomaland: Florian Giefer, Denis Bivour Florian Giefer und Denis Bivour sind „Loomaland“. Sie waren im Wendeherbst 15 bzw. 13 Jahre alt und haben damals in beiden Deutschlands gewohnt. Heute leben und arbeiten sie in Berlin. Seit 2018 sind sie bei verschiedenen Projekten ein Künstlerteam, so z. B. für ihr vielbeachtetes „Electric Swan Ensemble“, das 2020 u. a. in Berlin, Frankfurt und Luzern zu sehen war. Bivour und Giefer sind spezialisiert auf visuelle Effekte (VFX), 3D Animation, VR Welten, Mapping und Film – sind aber beide der festen Überzeugung, dass zur Technik immer auch ein bisschen Zauberei gehört, um die Menschen mit ihren Installationen zu berühren.

 

Themensetzung und Organisation

Die Verantwortung für die thematischen Schwerpunkte der Feierlichkeiten zur Friedlichen Revolution sowie der begleitenden Programme obliegt dem Beirat „Kuratorium Tag der Friedlichen Revolution 1989“. Der Beirat besteht aus 19 Mitgliedern. Ihm gehören der Oberbürgermeister, je eine Stadträtin beziehungsweise ein Stadtrat der Fraktionen im Leipziger Stadtrat, 6 Vertreter auf Vorschlag der Initiative „Tag der Friedlichen Revolution – Leipzig 9. Oktober 1989“ sowie 6 Vertreter, die vom Stadtrat zu benennen sind, an. Bei der Untersetzung der thematischen Schwerpunkte werden die Initiative „Tag der Friedlichen Revolution – Leipzig 9. Oktober 1989“ und deren Arbeitsgruppen eingebunden. Ihr gehören Bürger, Organisationen, Institutionen, Museen und andere Einrichtungen an, die einen direkten Bezug zum Herbst 1989 haben. Die organisatorische Verantwortung für das Lichtfest 2021 trägt die Leipzig Tourismus und Marketing GmbH.

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