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Martin Klindtworth

Was machen Fotografen in der Corona-Krise?

Interview mit Martin Klindtworth, Leipziger Profifotograf
Freitag, 17. April 2020

Hochzeiten, Geburtstage, Messen, Konzerte – Profifotografen haben übers Jahr eine Menge zu tun. Normalerweise. Wenn sämtliche Anlässe von jetzt auf gleich abgesagt werden ist das für die Branche ein Desaster.
 
In genau so einem Desaster befindet sich gerade der Leipziger Fotograf Martin Klindtworth. Eben noch gut gebucht und deutschlandweit auf unterschiedlichen Fachmessen unterwegs sitzt er seit Wochen zuhause.
 
Wir haben Martin Klindtworth getroffen und ihn zu seiner momentanen Situation befragt.

 

Martin Klindtworth, Leipziger Profifotograf

1. Wenn Sie jetzt nicht gerade mit radio SAW-Interview wären: Welche wäre denn die aktuelle Messe, die Sie eigentlich für Mittage April in Ihrem Terminkalender stehen hatten?

„Die „Holzhandwerk“ in Nürnberg, eine Fachmesse für die holzverarbeitende Industrie, zusammen mit der „Fensterbau Frontale“. Der Termin dieser internationalen Fachmesse war zunächst verschoben worden vom Frühjahr auf den Sommer. Ich hab das skeptisch gesehen und tatsächlich ist dieses Messedoppel abgesagt worden. Die Messe findet im Zweijahresrhythmus statt, das heißt 2022 ist der nächste Termin. Ich kann also auch Veranstaltungen, die jetzt ausfallen, nicht ohne Weiteres nachholen, nicht nachträglich erwirtschaften, weil einfach die Grundlage fehlt. Die Veranstaltung findet einfach nicht statt! Und in zwei Jahren kann ich dem Kunden nicht sagen: vor zwei Jahren ist ausgefallen, jetzt muss ich das doppelte Honorar nehmen.“

2. Sie haben die Hände nicht in den Schoß gelegt, sondern sind aktiv geworden. Was haben Sie getan?

„Wenn die Hauptsaison wegfällt kann man das als Solo- Selbstständiger nicht kompensieren. Ich habe mich bemüht um finanzielle Hilfen und habe zu dem Zweck auch Politiker kontaktiert, hab Abgeordnete angeschrieben und mit der Thematik konfrontiert, damit wir bei den ganzen Planungen nicht vergessen werden. Häufig werden Mittelständler und große Konzerne schnell unterstützt. Die haben die beste Lobby, die können am lautesten schreien. Und ich hab - nicht als Einziger, sondern mit vielen anderen zusammen - viele verschiedene Akteure darauf hingewiesen, dass wir nicht vergessen werden dürfen.

3. Sie haben Unterstützung bekommen und auch angenommen. Was genau?

Da gibt es zum einen ein darlehensbasiertes Programm und es gibt ein zuschussbasiertes Programm. Beide Programme hab ich ja direkt am Tag der Bereitstellung beantragt, habe das bewilligt bekommen und habe das Geld auch ausgezahlt bekommen.

4. Das klingt eigentlich sehr gut. Trotzdem mussten Sie jetzt Hartz 4 beantragen. Warum?

„Dann stellte sich aber raus: Es dürfen keine Lebenshaltungskosten von diesen Soforthilfen finanziert werden. Beim Darlehen darf man das schon, aber es ist eben Darlehen, man muss ja auch zurückzahlen irgendwann. Deswegen hat der Gesetzgeber gesagt, dann öffnen wir für die Solo Selbstständigen und Kleinstunternehmer die Grundsicherung. Das klingt toll, aber Grundsicherung ist ALG II, Hartz IV. Es gibt wahnsinnig viele, die sich seit Jahren damit irgendwie arrangieren müssen. Für die geht es nicht anders. Für mich ist das eine ganz ungewohnte Situation; ich bin seit 25 Jahren selbstständig, seit 25 Jahren erwirtschafte ich meine eigenen Einnahmen, von denen ich mein Leben und alles, was dazugehört, finanziere. Und jetzt stelle ich einen Antrag auf Grundsicherung!“

5. Wie fühlt sich das an, plötzlich Hartz 4 zu bekommen?

„Das ist so ein bisschen wie so ein „Stempel“, der Begriff ist jedenfalls irgendwie so belegt. Ich muss aber auch sagen, für Soloselbständige sind die Bedingungen vereinfacht worden. Zum Beispiel wird das Amt nicht hingehen und die Wohnungsgröße überprüfen. Und es wird auch nicht die Vermögensverhältnisse prüfen,

6. Welchen Wunsch haben Sie zum Beispiel an die Politik, was Ihre Branche anbelangt?

„Was fehlt wäre noch ein Zuschuss zum Beispiel auf kommunaler Ebene. Manche Kommunen haben - völlig unabhängig von den Landes- oder Bundesregelungen - noch einen Topf aufgemacht, um gerade betroffene Soloselbständige, Klein- und Kleinstunternehmer zu unterstützen. Das wäre zum Beispiel eine tolle Unterstützung. Die Stadt Leipzig ist wahnsinnig stolz auf ihre Kreativbranche, die gern auch als  Aushängeschild verwendet wird. Und jetzt, wo es drauf ankommt, könnte die Stadt mal zeigen, was wir der Kommune wirklich wert sind.

7. Mit welchen Gefühlen blicken Sie gerade auf ihre berufliche Zukunft?

„Ich bin vollkommen optimistisch, dass es irgendwann wieder normal weitergeht. Einiges in der Branche wird sich ändern, für mich wird sich vielleicht auch einiges ändern. Vielleicht werde ich ja künftig weniger Veranstaltungs- und Messefotografie machen. Ich bin seit vielen, vielen Jahren Berufsfotograf mit einer soliden Ausbildung und einem Schwerpunkt, der sich über die Jahre so entwickelt hat. Aber so wie sich das entwickelt hat, kann sich das auch wieder in eine andere Richtung entwickeln.

Und ansonsten nutze ich die Zeit, um aufzuräumen, privat aufzuräumen, im Büro aufzuräumen. Dann verbringe ich sehr viel Zeit mit meiner Tochter, die ist Anfang März fünf Jahre alt geworden. Wir haben uns schon die verrücktesten Sachen ausgedacht. Also abgesehen davon, dass ich kein Geld habe, kann ich nicht klagen.“

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