Martin Geisthardt, kaufmännischer Geschäftsführer 1. FC Magdeburg

1. FC Magdeburg nicht nur in der Liga gefordert

Interview mit dem kaufmännischen Geschäftsführer Martin Geisthardt

Martin Geisthardt (38), kaufmännischer Geschäftsführer des Fußball-Zweitligisten 1. FC Magdeburg, im radio SAW-Interview.

Martin Geisthardt (38)

Seit 2024 kaufmännischer Geschäftsführer beim 1. FC Magdeburg

Geboren in Haldensleben.

Torwart beim Haldensleber SC, VfL Osnabrück und dem FCM

Kam vom FC. Pauli, wo er unter anderem die Bereiche Vertrieb, Digitales und Marketing verantwortete.

Hat eine zweijährige Tochter.

Lebt mit seiner Familie in Magdeburg.

Martin Geisthardt, kaufmännischer Geschäftsführer 1. FC Magdeburg
Martin Geisthardt, kaufmännischer Geschäftsführer 1. FC Magdeburg
1. Wie sehen die Planungen für die neue Saison aus?
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  • 1. Wie sehen die Planungen für die neue Saison aus?
  • 2. Wie ist die Finanzlage?
  • 3. Warum das Zögern nach dem Dresden Spiel?
  • 4. Wäre ein schnelles allgemeines Statement nicht besser gewesen?
  • 5. Wo nehmt ihr das Geld für die Strafen her?
  • 6. Was wird aus den Tickets für die Blöcke 3-6?
  • 7. Warum so spät auf die Meldungen in den Printmedien reagiert?
  • 8. Warum ist die Saison so verkorkst?
  • 9. Warum wird aus Deiner Sicht der Klub die Klasse halten?

1. Martin, der FCM steht 9 Spieltage vor Schluss auf dem letzten Tabellenplatz, es droht der Abstieg in die 3. Liga. Wie sehen eure Planungen für die kommende Saison aus?
Martin Geisthardt: Es ist nicht ganz einfach. Wir planen zweigleisig und das sehr strukturiert. Das heißt, dass wir uns selbstverständlich auf die beiden sportlichsten Szenarien vorbereiten. Und wir werden auch in dieser Woche noch die Lizenzierungsunterlagen für die zweite und dritte Liga einreichen, sowohl bei DFL als auch beim DFB. Und eine Sache ist ja völlig klar. Wir werden den größtmöglichen Fokus auf den Sport legen. Wir werden alles reinhauen, was wir haben und alle Kräfte bündeln und sind fest davon überzeugt, dass wir am Ende auch den Klassenhalt schaffen werden. Das ist ganz klar ausgesprochen eine Überzeugung. Und gleichzeitig legen wir natürlich Grundlagen, die jetzt mal unabhängig vom Tabellenplatz sind. Das heißt also, wir setzen weiterhin auf wirtschaftliche Stabilität und natürlich auch auf klare strategische Entscheidungen, die wir jetzt und in der Zukunft treffen. Weil eins ist klar, unabhängig vom Liga-Szenario wird der 1. FC Magdeburg in eine stabile oder stabil in eine neue Saison gehen.

2. Heißt, ein Abstieg würde den FCM nicht in finanzielle Schwierigkeiten bringen?
Martin Geisthardt: Ein Abstieg wäre natürlich wirtschaftlich sehr hart, das muss man sagen, weil allein schon aus der Perspektive der TV-Gelder wir von 10 Millionen auf 1,6 Millionen inklusive Rettungsschirm runterfallen würden, das wäre sehr, sehr hart und das würde auch am Ende bedeuten, dass wir viele Dinge, die geplant waren oder jetzt in die Umsetzung gehen, auch nicht so umgesetzt werden könnten. Aber ich sage mal, da mache ich mir jetzt ehrlicherweise keine Gedanken drüber, sondern mein Fokus und unser Fokus geht ganz klar auf den Klassenhalt.

3. Nicht nur wirtschaftlich steht der FCM vor Herausforderungen. Nach den Ausschreitungen beim Spiel gegen Dynamo Dresden mit etlichen verletzten Polizisten und Anhängern, hat der Verein zum einen erst Tage später mit einer Stellungnahme reagiert und zum anderen keine Position bezogen. Das geschah erst, als ein Sponsor seine Zahlungen an den FCM eingestellt hat. Warum das Zögern in Zeit und Form?
Martin Geisthardt: Naja, also erstmal muss man nochmal vor der Klammer sagen, das was da passiert ist, hat uns natürlich alle sehr betroffen gemacht und dass wir natürlich erstmal den Fokus drauf gesetzt haben, die Lage zu analysieren, weil die war in der Tat ja sehr komplex und dass wir natürlich mit Behörden, mit Sicherheitskräften und mit Clubfans gesprochen haben, um erstmal die Situation für uns auch aufzubereiten und dann am Ende auch alle Fakten zusammen zu tragen, bevor wir überhaupt einmal öffentlich Stellung beziehen, das muss man vor der Klammer ganz klar sagen und ich finde, dass das vermeintlich oder von dir angesprochene Zögern jetzt gar kein Ausdruck von Schwäche ist, sondern eher von Verantwortungsbewusstsein, weil uns erstmal klar sein muss, wie die Situation sich darstellt und wir haben uns immer klar und eindeutig positioniert, dass Gewalt in welcher Form auch immer bei uns nichts zu suchen hat und dass wir für einen friedlichen und einen enthusiastischen Fußball stehen.

4. In einer Stellungnahme muss ja keine Partei ergriffen werden. Hättet ihr nicht kommunizieren können, dass ihr erst mit allen Seiten sprechen wollt, bevor ihr euch öffentlich äußert? 
Martin Geisthardt: Wir entscheiden, wann wir was kommunizieren und wir lassen uns auch nicht treiben von Wünschen, die natürlich bestehen, weil jeder ist ja interessiert an unserer Situation und möchte Inhalte und Hintergründe bekommen. Aber unsere Policy war am Ende auch ganz klar, dass wir erst kommunizieren, wenn die Faktenlage entsprechend auch für uns eindeutig ist. Und wir verstehen natürlich auch den Impuls auf eine so komplexe Situation, so wie sich rund um das Dresden-Spiel dargestellt hat, mit einfachen Antworten ums Eck zu kommen. Das geht allerdings nicht. Und weil wir entsprechend unserer Verantwortung auch uns bewusst sind und klar auch gesagt haben, dass wir erstmal die Situation analysieren müssen und Ableitung bilden müssen und dass ganz viele Gespräche auch im Hintergrund stattgefunden haben und eben nicht jetzt in die Öffentlichkeit getragen wurden. Das ist auch Fakt. Das sieht man nach außen eher weniger, aber im Hintergrund hat wahnsinnig viel Aufarbeitungsarbeit stattgefunden. Und noch mal, ich sehe uns ehrlicherweise sehr gut kommunizieren, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, insbesondere vor dem Hintergrund, dass natürlich das eine Situation war, die im Hinblick auf das Ausmaß schon ziemlich gravierend war.

5. Der DFB hat nach den Ausschreitungen der Fans und dem Abbrennen von Pyro zu fast 200.000 Euro Strafe verurteilt und Block U muss am Freitag gegen Darmstadt leer bleiben. Wo nehmt ihr das Geld her? Sind solche Strafzahlungen von vornherein eingeplant?
Martin Geisthardt: Natürlich haben wir eine Art Risikopuffer für unvorhergesehene Ereignisse und wir setzen natürlich alles daran, diesen nicht aufzubrauchen. Wir müssen ihn gerade aufbrauchen, beziehungsweise, und das ist ja im Grunde auch der Kern deiner Frage, natürlich schmerzt das wirtschaftlich und wir können Dinge, die wir geplant haben, jetzt aufgrund der erhöhten Auskehrungen, die wir natürlich haben, aufgrund der Strafengelder auch nicht umsetzen. Auch das gehört zur Wahrheit. Auf der anderen Seite sind wir natürlich jetzt gerade noch mal mehr motiviert, interne Prozesse zu prüfen, viele Gespräche zu führen, präventive Arbeit zu stärken, den Fan-Dialog zu stärken, um einfach die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sowas, was jetzt insbesondere beim Dresden-Spiel passiert ist, aber auch was jetzt weitere kleinere Vergehen

6. Was wird aus den Tickets der Fans der Blöcke 3-6?
Martin Geisthardt: Das ist korrekt. Die Blöcke 3 bis 6 dürfen nicht besetzt werden. Das ist der sogenannte Teilausschluss, der uns ja vom DFB verhängt wurde. Und Fakt ist, jeder, der schon ein Ticket gekauft hat für dieses Spiel, für die Blöcke 3 bis 6, unabhängig davon, ob es jetzt ein Tagesticket ist oder eine Dauerkarte, hat im Grunde drei Möglichkeiten, sich sozusagen oder darauf zu reagieren. Zum einen gibt es die Möglichkeit, dass man sich das Geld zurück erstatten lässt. Dann gibt es die Möglichkeit, dass wir den offenen Betrag oder den Betrag, um den es geht, in einen Merchandising-Gutschein umwandeln. Und die dritte Möglichkeit ist, dass Geld beim FCM verbleibt, was natürlich schön wäre, aber was wir natürlich keinesfalls voraussetzen. Diejenigen, die in den Blöcken 3 bis 6 ihre Tickets haben können, aber das wurde mir heute Morgen nochmal bestätigt, auch noch Tickets im Stadion kaufen. Das heißt, wir haben noch verfügbare Tickets auch entsprechend in den noch verbleibenden Stehblöcken 1, 2 und 7. Und so entsprechend auch die Mannschaft aus anderen Blöcken unterstützen. Und was man natürlich noch mit dazu sagen muss, also es ist natürlich sehr tragisch, dass diese Blöcke leer bleiben müssen. Auf der anderen Seite haben wir einen Behindertenspieltag hier bei uns vor der Brust und das ist der größte Inklusionsspieltag im deutschen Profifußball. Und das muss man an der Stelle auch mal herausstellen, dass wir über 2100 Tickets, sozusagen das Unternehmen und Fans, Tickets gekauft haben, die dann wiederum an soziale Einrichtungen und Organisationen gehen. Und ich finde, das ist ein fantastisches Beispiel für den Zusammenhalt und die Verantwortung in unserem Klub und auch wie stark unser Umfeld sich da entsprechend involviert. Und für mich ein wahnsinnig starkes Aushängeschild für den 1. FC Magdeburg. Und deshalb gucken wir natürlich mit einem sehr traurigen Auge auf das kommende Spiel gegen Darmstadt, weil eben die aktive Fanszene dort nicht im Stadion sein wird bzw. eben nicht diese Stimmung machen wird, für die der 1. FC Magdeburg auch bekannt ist und unter den Gegnervereinen auch befürchtet oder gefürchtet. Und gleichzeitig gucken wir natürlich auch mit einem lachenden Auge, weil wir sehr stolz und froh sind, dass wir diesen Behindertenspieltag auch wieder bei uns durchführen können.

7. In den Printmedien wurde täglich an Mannschaft und Verein Kritik geübt! Angebliche Wechselwünsche (Hugonet) oder eine angebliche Trainerdiskussion kamen auf? Auch hierauf hat der Verein erst Wochen später reagiert? Warum?
Martin Geisthardt: Ja, also erst mal muss man auch dazu sagen, wenn wir in der Kritik stehen aufgrund der sportlichen Situation, das ist erst mal vollkommen normal, also dass es Kritik gibt und das gehört dazu, das akzeptieren wir auch, nur worauf es ankommt, ist immer Ton und Inhalt und wenn wir von falschen Informationen hören oder sie lesen, wenn sich Darstellungen verselbstständigen oder am Ende Spieler sozusagen durch unzutreffende Berichterstattung in ein falsches Licht geraten, dann müssen wir natürlich auch als Verein reagieren und unsere Kollegen, Mitarbeiter, Spieler auch schützen. Das haben wir getan, weil unsere Reaktion bestand im Grunde aus zwei Bestandteilen. Zum einen haben wir natürlich eine klare, transparente Einordnung über unsere eigenen Kanäle vorgenommen, was wichtig war, um erst mal Fakten zu schaffen, um auch die Situation so faktisch darzustellen, wie sie ist und das andere, dass wir natürlich auch ein offenes Gespräch mit dem betreffenden Medium gesucht haben und das war ein sehr guter, ein sehr offener Austausch, wo wir unsere Punkte adressieren konnten und eine Sache ist mir auch da, an der Stelle noch mal wichtig zu betonen, dass wir entscheiden, wann wir reagieren und kommunizieren, weil das tun wir dann, wenn wir es als inhaltlich notwendig und in der Sache sinnvoll sehen und wir lassen uns eben auch nicht von Schlagzeilen treiben und deshalb gibt es im Zweifel diesen wahrgenommenen Unterschied zwischen der Kommunikation, dann irgendwie des Mediums und unserer Reaktion darauf.

8. Was macht diese Saison so schwierig? Ist es „nur“ die sportliche Schieflage? Oder gibt es noch andere Gründe aus Deiner Sicht?
Martin Geisthardt: Es ist eine Kombination aus mehreren Faktoren. Natürlich ist die aktuelle, sportlich herausfordernde Situation erstmal das sichtbarste Problem für alle. Wir alle können die Tabelle lesen. Hinzu kommen natürlich noch die Vorkommnisse rund um das Dresden-Spiel und die Dinge, die sich daraus ergeben. Stichwort jetzt eben der Teilaufschluss, über den wir schon gesprochen haben. Die mediale Dynamik, die dadurch entstanden ist. Und diese Melange macht natürlich die aktuelle Situation sehr anspruchsvoll. Gleichzeitig passiert natürlich bei uns im Umfeld auch wahnsinnig viel Positives. Wir bauen ein neues Funktionsgebäude für Profis und für Nachwuchs. Wir haben den Platz 2 komplett ertüchtigt mit einer Rasenheizung. Man möchte sich ja gar nicht ausmalen, wie die letzten Jahre gewesen wären. Wenn wir diese Temperaturen gehabt hätten wie in diesem Jahr, dann hätten wir wahrscheinlich sehr lange in einer Halle trainieren müssen. Dementsprechend haben wir viel getan. Die Stadt investiert jetzt in den Umbau der Plätze 3 und 4. Das läuft aktuell auf Hochtouren. Also es passiert unheimlich viel. Und wir sehen, dass der Club sich strukturell weiterentwickelt. Und das ist eine total schöne Situation. Und eins ist auch klar, dass trotz aller Herausforderungen, vor denen wir momentan stehen, ich eine Mannschaft sehe und ein Trainerteam, die mit wahnsinnig hoher Intensität arbeiten, die Verantwortung übernehmen und diesen Club unbedingt in der zweiten Liga halten wollen. Und diese Überzeugung, die spüre ich nicht nur im Sport, sondern die spüre ich hier auf der Geschäftsstelle und die spüre ich auch unter den Clubfans. Und deshalb nochmal wiederhole ich mich gerne, bin ich fest davon überzeugt, dass wir die Klasse halten.

9. Lass uns nach vorn sehen! Du bist selbst ein Blau-Weißer! Warum wird der FCM noch die Klasse halten?
Martin Geisthardt: Was den Klub auszeichnet, ist schon immer eine starke Widerstandskraft. Das glaube ich, das werden wir in der aktuellen Situation auch brauchen und zeigen. Wir sehen, wie gerade schon gesagt, dass Mannschaft, Trainer, Team, Staff, Fans und das gesamte Umfeld eng zusammenstehen. Wir werden in den entscheidenden Momenten immer zurückkommen und werden wir auch dieses Mal wieder zurückkommen. Und wie gesagt, ich spüre im gesamten Klub diesen Willen, diesen unbedingten Willen, diese Herausforderung zu meistern. Und das macht uns am Ende irgendwie nicht euphorisch blind. Das muss man auch an der Stelle dazu sagen, dass wir einen sehr realistischen Blick auf diese Situation haben. Aber das macht mich am Ende so optimistisch, dass ich sage, diese Serie, die wir auch in der Hinrunde gestartet haben, als Pet und Pascal frisch übernommen haben, die können wir auch jetzt wieder starten. Und wenn wir eine ähnliche Punkteausbeute holen, dann ist das am Ende auch mit einem Klassenhalt verbunden. Und das ist das erklärte Ziel des gesamten Klubs.

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