Dr. Daniel Zeidler, Psychotherapeut

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Mittwoch, 1. April 2020

In unserem Alltag ist seit einiger Zeit nicht so, wie es mal war: Die Kinder dürfen nicht mehr in Kita und Schule, Erwachsene gehen nicht mehr ins Büro, Rausgehen nach Feierabend ist nur sehr begrenzt erlaubt und auch irgendwie sinnlos, denn vom Einkaufzentrum über Kinos und Sportstätten bis hin zur Eisdiele ist alles zu.

Was macht dieses „Eingeigelt-sein“ mit uns? Droht ein Korona-Koller? Wie schaffen wir es, aus der Krise und ihren Einschränkungen gesund und optimistisch hervorzugehen?

Alle technischen Möglichkeiten nutzen, mit sich selbst achtsam sein, sich Auszeiten nehmen und für sich selbst aus der Krise lernen, sagt der Leipziger Psychotherapeut Dr. Daniel Zeidler.

Was passiert mit einer Familie, wenn sie ihre Wohnung längere Zeit kaum noch oder gar nicht verlassen darf?

Der fehlende Kontakt zu anderen Menschen belastet uns. Da wir als menschliche Wesen sehr davon profitieren, Beziehungen einzugehen, Beziehungen zu haben und Bindungen zu anderen Menschen zu haben. Und deswegen ist das auch sehr belastend. Das heißt letztendlich, dass dadurch auch vermehrt Traurigkeit oder aber auch Ärger über diese Situation oder auch bestimmte Ängste verstärkt aufkommen können.

Es gibt Menschen, die stören die aktuellen Einschränkungen weniger, andere können dadurch richtig krank werden. Wie können solche Menschen sich vor solchen Folgen schützen?

Die sollten besonders achtsam sein, und das Netzwerk um sie herum sollte besonders auch Augenmerk auf sie haben und sie unterstützen. Es gibt viele Möglichkeiten, die sich auch gerade entwickeln. Mit Hilfe der neuen Medien werden zu Beispiel werden Konferenzmöglichkeiten geschaffen. Das ist alles kein 1:1 Ersatz zu den früheren Gruppenaktivitäten, die die Menschen früher hatten, aber zumindest ein Ersatz und eine Möglichkeit, vielleicht auch hier selbst aktiv zu werden und mal den einen oder anderen einfach so anzurufen, in Kontakt zu treten. Das sind ganz wichtiger Dinge, um eben nicht weiter Rückschritte zu machen in das Alleinsein und in das Grübeln und in das letztendlich sich dann immer schlechter fühlen.

Einsamkeit ist ein großes Problem. Ein anderes: Wir hocken förmlich aufeinander – Home-Office, Home-Schooling, alle sind zuhause. Konflikte, Aggressionen und sogar noch Schlimmeres sind die Folge ...

... natürlich können solche Phänomene auftreten. Wenn Menschen plötzlich auf engstem Raum zusammenleben, die das vorher nicht so gewöhnt waren - unterwegs waren, in ihrem Beruf nachgegangen sind und ein geregeltes Leben gelebt haben - wenn die Familie dann plötzlich auf engerem Raum zusammenlebt, steigt die Gereiztheit, ärgert man sich über Dinge, über die man sich vorher nicht so geärgert hat. Dann hat man ihn, den vielbeschriebenen Quarantäne-Koller.

Und was können wir denn tun, um trotzdem den sprichwörtlichen Familienfrieden zu bewahren?

Es ist einfach ganz wichtig, dass jeder einzelne auch über seine Bedürfnisse spricht. In der Tagesplanung sollte das ein ganz wichtiger Punkt sein. Jeder sollte ganz klar sagen, was er ganz für sich alleine machen will, welchem seiner Hobbys er nachgehen will. Jeder sollte sich sozusagen eine Auszeit von dieser Quarantäne- Situation nehmen dürfen.

Ihr Tipp, wie wir am besten durch die Corona-Krise und im Anschluss dann aus ihr herauskommen?

Ein ganz wichtiger Punkt ist tatsächlich, dass wir nach vorne blicken, wir zum einen all das, was wir durch diese Krise jetzt gerade lernen, mitnehmen, und dann für die Zukunft vielleicht die Dinge etwas anders machen. Und wenn wir dies alles berücksichtigen, also das Lernen aus der aktuellen Krise und die Vorkehrungen treffen für mögliche ähnlich verlaufende Corona-Krisen-Phasen, dann haben wir wirklich eine gute Möglichkeit, gesund aus dieser Krise wieder herauszukommen.

 

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