Jan Riedel am radio SAW Mikrofon kurz vorm Interview in Studio 3 im Funkhaus von radio SAW

Bildungsminister Jan Riedel zu Gast bei radio SAW

Seit gut einem Monat ist Jan Riedel (43, CDU) neuer Bildungsminister in Sachsen-Anhalt. Gerade zum Start des neuen Schuljahres warten etliche Herausforderungen auf ihn: Lehrermangel, Lehrpläne, Überstunden und vieles mehr. Wie kann er seine Erfahrungen als Schulleiter in seine Arbeit als Minister einbringen? Darüber haben wir mit ihm gesprochen und das sind seine Antworten.

Seit dem 29. Juli ist Jan Riedel aus Halle neuer Bildungsminister in Sachsen-Anhalt. Warum, Herr Riedel, haben Sie bei der Anfrage "Ja" gesagt?
Jan Riedel: Also ich habe sofort Ja gesagt, weil ich einfach gemerkt habe, Mensch, das ist eine Chance, hier was Gutes zu tun für die Bildung in unserem Land.

Thema: Lehrermangel und wie kann man Job des Lehrers wieder attraktiver machen

Seit 11. August läuft das Schuljahr auch für den 13-jährigen Jason aus Stendal. Er besucht die Comenius-Sekundarschule und so sieht sein neues Schuljahr aus. Wir haben keine Physik, wir haben auch keine Chemie, wir haben jetzt auch keine Geografie mehr, wir haben auch keine Informatik. Ja, da fehlt es scheinbar an Lehrern, die das dort unterrichten könnten. Lehrermangel, auch Thema bei Maria aus Rheinstadt, Matthias aus Osterburg und Sabine aus Halberstadt.

Wie werden Sie denn dieses seit Jahren bestehende Problem Lehrermangel nicht nur angehen, sondern auch beheben? 
Jan Riedel: Das ist eine gute Frage. Erstmal macht mich das natürlich genauso betroffen, dass wir solche Situationen haben in den Schulen, in unserem Land. Und ich sage es ganz offen, ich habe nicht die Zauberlösung vorliegen, sondern es ist ein Prozess, der Schritt für Schritt gehen muss. Wir müssen schauen, wie wir es schaffen, wieder mehr Lehrkräfte auch in den Dienst zu bekommen. Wir haben jetzt die größte Welle an Verrentungen, an Ruhestand von Lehrkräften. Die sind alle, also ein Großteil der Lehrkräfte ist so ungefähr die Hälfte zwischen 55 und 65 Jahren alt und da steht noch was vor uns. Das muss man ganz ehrlich und auch ganz offen sagen und wir müssen überlegen, wie wir das in den Griff kriegen. Wir wollen zum einen natürlich schauen, dass wir die Seiteneinsteigenden weiter im System halten, qualifizieren. Wir müssen schauen, wie wir Vertretungslehrkräfte heranbekommen. Da finden ja Schulen fort auch schon sehr gute Lösungen, also die Autonomie von Schule, wie die vielleicht auch noch mal Budgets bekommen, um also ganz individuell beziehungsweise auch relativ kurzfristig Personal zu binden, vielleicht Ruheständler etc., um diese Lücken auch zu füllen. Aber wir werden das nicht für jede Schule in bester Form hinbekommen in den nächsten Jahren, so ehrlich müssen wir sein.

Wie kann denn vielleicht der Lehrerjob wieder so attraktiv sein, dass man sagt oder auch schon zum Studium geht und sagt, ich möchte unbedingt Lehrer werden oder es vielleicht sogar schon in jungen Jahren entwickelt? 
Jan Riedel: Ja, wir sprechen häufig davon, dass wir mehr Studienplätze anbieten müssen, aber die Lage ist so, dass wir gar nicht so viele Studierende haben, um also wirklich den Bedarf in unserem Land abzudecken. Also es müssten von ungefähr 5000 Abiturienten, da müssten weit über die Hälfte Lehramt anfangen, weil gar nicht alle übrig bleiben bis zum Ende des Studiums, um das abzudenken. Das ist sozusagen nicht realistisch, mal das vorn weg. Und auf der anderen Seite ist natürlich der Lehrerberuf einer der schönsten, die es gibt. Es ist auch ein Beruf, der sehr sicher ist, der gut bezahlt wird an die jungen Leute da draußen und der einfach jeden Tag was Neues bereit hält. Und da kann ich nur motivieren, das anzugehen. Es gibt keinen besseren Job, als Lehrerkraft zu werden.

Thema: Bürokratische Hürden für Seiteneinsteiger und was können Lösungen sein

Seiteneinsteiger wäre eine Lösung, um die Lehrermangel aufzufangen, gäbe es da nicht laut Carsten aus Magdeburg bürokratische Hindernisse.

Warum dauert es acht bis zehn Wochen derzeit, um überhaupt zu prüfen, ob jemand als Seiteneinstieg, als Lehrer tätig werden kann? 
Gerade aufgrund auch des aktuellen Lehrermangels und des Bedarfs versteht Carsten nicht, weshalb da so eine lange Bearbeitungszeit ist.
Jan Riedel: Also ich kann das gut verstehen. Wenn ich diejenige Person wäre, würde mich das auch aufregen. Man muss auf der anderen Seite auch sehen, das Landesschulamt, das ja zum Ministerium für Bildung gehört, ist eine Behörde, die also quasi alles organisatorische abfedert, was mit Schule zu tun hat. Das sind Lehrereinstellungen. Das ist die inhaltliche Betreuung von Schulen. Das sind alle möglichen Personalienfragen. Das sind Budgetfragen und so weiter, die dort in die Schulen rausgesteuert werden. Und man muss eigentlich, muss wirklich sagen, wir haben in den letzten Jahren angefangen von 100 Einstellungen pro Jahr, jetzt sind wir bei nahezu 1000. Also die leisten da schon wirklich vieles. Letzten Endes fehlt es dort auch an Ressourcen. Auch dort gibt es einen Fachkräftemangel. Auch dort kann nicht jede Stelle besetzt werden. Wir haben gerade einen Nachbesetzungsstopp in der öffentlichen Verwaltung. Das heißt also, das sind Gründe, die nachvollziehbar sind. Aber ich kann total verstehen, dass man das als Betroffener nicht so lustig findet.

Wann könnte man sagen, okay, da können wir auch irgendwie auch mit dem Landesverwaltungsamt Lösungen anbieten oder aus dem Landesschulamt? 
Jan Riedel: Wir bieten ja Lösungen an. Es dauert halt nur ein bisschen länger. Wir müssen ja wissen, es muss geprüft werden. Also welche Voraussetzungen hat der Zeiteneinstellung? Wir haben ja ganz verschiedenste Formen. Wir haben jetzt zurzeit schon Meister, die Seiteneinsteigende werden. Wir haben Bachelor, Bachelor ohne Fachableitung, Bachelor mit einem Fach, Bachelor mit zwei Fächern, Master ohne Fachableitung, Master mit einem Fach, Master mit zwei Fächern. Und dann gibt es ein Gespräch, wo der Betreffende oder die Betreffende eingeladen wird und auch wo geguckt wird, welche Fachkompetenzen hat die? Wo könnte man die einsetzen? In welcher Schulform? In welchen Fächern? Das dauert alles. Die Gespräche müssen geführt werden. Dann muss das ins System auch übertragen werden. Also ich glaube, die acht Wochen, die sind keine Gammelei, sondern das sind wirklich Prozesse, die notwendig sind. Leider.

Thema: Gleichbehandlung und Bezahlung von Seiteneinsteigern

Das Thema Seiteneinsteiger, das hat euch mit am meisten beschäftigt bei euren Fragen. Und Julia aus dem Harz, die wünscht sich mehr Anerkennung, mehr Gleichbehandlung.

Mich würde es ganz dringend interessieren, wann es denn klare Regeln für die Gleichbehandlung für alle Seiteneinsteiger geben wird?
Jan Riedel: Ja, das ist eine sehr gute Frage, weil wir bei den Seiteneinsteigern ein sehr breites Feld haben. Es sind unterschiedliche Voraussetzungen. Wir fangen an bei Meistern, gehen zu Bachelor-Abschlüssen, Master-Abschlüssen. Und es ist nun mal so, dass wir dann auch schauen müssen, wie kriegen wir die auch tarifrechtlich ins System? Es gibt auch ein Laufbahnrecht. Deutschland ist ein Rechtsstaat und dort ist genau definiert, wer welche Laufbahn und so weiter erklimmen kann. Wir versuchen gerade auch, Lösungen zu finden, um Seiteneinsteigende, die also kein Referendariat machen, die also keine grundständige Lehrkraft, so nennen wir das, werden, dennoch nach einer gewissen Dienstzeit auch anzuerkennen und denen auch einen Aufstieg gehaltsmäßig zu ermöglichen. Das ist aber eine sehr schwierige Kiste, weil das ganz viel mit Rechtsnormen zu tun hat. Letzten Endes, ich glaube, diese Ungleichbehandlung ist natürlich einerseits eine monetäre Frage. Es geht um Geld. Es geht aber, glaube ich, auch um Anerkennung im System. Und da möchte ich auch wirklich alle Schulen motivieren, tatsächlich die Strukturen vor Ort so zu gestalten, dass die zuträglich sind, dass also die Kollegen gut integriert werden, dass es Teams gibt, die sie auffangen, dass sie gut begleitet werden. Ich weiß, dass das eine große Herausforderung ist, vor dem Hintergrund des Lehrkräftemangels die Zeit noch zu finden. Aber das lohnt sich, wenn wir die gut integrieren. Und wir sind daran und auch dabei, die die Bezahlung auch etwas gerechter noch zu gestalten.

Nochmal diese Frage noch ein bisschen zu erweitern. Also Seiteneinsteiger, die zum Beispiel als Meister dann als Lehrer fungieren, bekommen die teilweise sogar mehr Gehalt als jetzt ein ausgebildeter und studierter Lehrer? 
Jan Riedel: Nein, das ist nicht der Fall. Es gibt eine ganz klare Laufbahn für Lehrkräfte, die müssen erstes Staatsexamen haben, ein zweites Staatsexamen und dann sind sie für den sogenannten höheren Dienst auch befähigt. Und dort verdient man das adäquate Gehalt. Und all diejenigen, die sozusagen diese Staatsexamen nicht vorweisen können, das ist nun mal auch Rechtslage, da müssen wir schauen, wie wir die eingruppieren können. Und die sind etwas tiefer eingruppiert als die grundständigen Lehrkräfte. Achtung, es gibt aber auch die Möglichkeit und das machen auch schon viele Seiteneinsteigende, sich weiter zu qualifizieren, zum Beispiel ein Fach, das sie noch nicht haben, durch sogenannte Zertifikatskurse, die das Land anbietet, die wir anbieten, sich zu qualifizieren. Und dann können die auch ins Referendariat, also in den Vorbereitungsdienst, wie es korrekt heißt, gehen und können dann sogar in den normalen, in die normale Laufbahn der Lehrkräfte eingehen, können auch verbeamtet werden. Also das möchte ich auch mal sagen, wer jung genug ist in den 20ern, 30ern, auch 40ern, der hat die Chance, grundständiger Lehrer am Ende zu werden.
 

Thema: Hitzefrei oder verkürzter Unterricht

In den letzten Tagen hatten wir Temperaturen um über 30 Grad und laut Mike aus Halle Temperaturen, bei denen es bei den Kindern schwerfällt zu lernen.

Wie geht man denn mit der Hitze um? Hitzefrei oder verkürzter Unterricht? 
Jan Riedel: Das hängt ganz oft von der Schule ab. Also wenn Sie eine Schule haben, die einen guten Baukörper hat, also wo Verschattung gegeben ist, moderne Schulen sind da ganz gut unterwegs, dann muss man andere Regelungen treffen, als wenn Sie in einer Plattenbauschule sind, wo also quasi in den Klassenräumen 30 Grad vorherrschen, dann müssen Sie anders reagieren. Und es dann also liegt in der Hoheit der Schule zu entscheiden, ob es quasi Ausfall gibt, also hitzefrei im klassischen Sinne, oder ob man Stunden verkürzt. Stundenverkürzung hat natürlich seinen Reiz, dass jedes Fach noch irgendwo zur Geltung kommt, aber die Entscheidung wird vor Ort getroffen.

Da Sie hier aus der Praxis kommen, wie haben Sie das gehandhabt? 
Jan Riedel: Wir haben das verschieden gehandhabt. Wir haben sowohl verkürzte Stunden gemacht, vor allen Dingen, wenn es um ältere Jahrgänge geht, wo es also auch wirklich um Inhalte geht, die vielleicht prüfungsrelevant sind. Aber wenn es richtig krass war und richtig heiß war, dann haben wir auch einfach mal die Schule mittags beendet.

Von wie viel Grad sprechen wir da? 
Jan Riedel: Also es gibt eine Regelung, dass also morgens um 10 in einem repräsentativen Raum der Schule mehr als 26 Grad Celsius vorherrschen müssen und dann darf die Schulleitung entscheiden. Immer entscheidet dann noch die Schulleitung, ob hitzefrei zu geben ist. Ich habe als Schulleiter dann immer kühlere Räume aufgesucht, weil ich wollte ja schon, dass die irgendwie da bleiben. Also ich glaube, kurzfristig verstehe ich das. Halleluja, die Schule ist aus, los geht's. Aber ich meine, die Eltern bedanken sich auch, wenn die Kinder um elf wieder auf der Matte stehen oder alleine zu Hause sind. Also das muss man auch mit Augenmaß handhaben.
 

Thema: Warum beginnt das neue Schuljahr an einem Montag und warum sind die Ferien nicht acht Wochen lang

Bernd aus Gentin möchte gern wissen, warum das neue Schuljahr an einem Montag beginnt und nicht wie sonst an einem Donnerstag. Also so hatte man immer mehr Zeit für Organisatorisches. 
Jan Riedel: Also ich bin auch ein großer Fan dieser Halbwochenregelung. Mich als Schulleiter hat das noch betroffen. Vorbereitungstage, Nachbereitungstage ist wirklich schwieriger zu planen in diesen ganzen Wochen. Das liegt wirklich an der langfristigen Ferienregelung, die sich die Bildungsministerkonferenz auch gegeben hat. Unsere gilt jetzt noch bis 2030 im ganzen Bundesgebiet fort und dann wird es wieder weitergeschrieben. Aber kleine Entwarnung. Ich glaube, entweder ist es schon nächstes Jahr. Ich glaube, übernächstes Jahr kommen wir wieder in diese Halbwochenregelung rein. Also das ist jetzt nicht in Stein gemeißelt, sondern das ändert sich auch.

Da schließt sich auch noch die Frage von Lukas aus Halle an, der mit seinen 13 Jahren fragt, warum die Ferien nicht wie zu DDR-Zeiten acht, sondern nur sechs Wochen gehen. 
Jan Riedel: Wir haben viel mehr Ferien über das Jahr verteilt. Wenn wir schauen, wir haben mitunter eine Woche Osterferien, manchmal eine Woche Pfingstferien. Über Weihnachten sind wir ja sehr bevorrechtigt in Sachsen-Anhalt durch den sechsten Januar. Da haben wir manchmal zweieinhalb Wochen Ferien, wo andere schon wieder in die Schule gehen. Das heißt also, die Ferien verteilen sich anders und deswegen im Sommer nur sechs Wochen. Übrigens gibt es Elternverbände, die fordern ja, die Ferien noch kürzer zu machen im Sommer, weil man ja dann nicht diese langen Betreuungszeiten hat für die Kinder, weil niemand kann am Stück sechs Wochen Urlaub nehmen. Also da gibt es auch durchaus verschiedene Meinungen dazu.
 

Thema: Handyverbote und Aufklärung in Sachen Social Media an den Schulen

Immer wieder kochen Diskussionen über Handynutzung und Verbot an Schulen auf. Die Mandy aus Burg, die hatte einen Sohn, der geht jetzt gerade aktuell in die vierte Klasse. Und durch die Nutzung des Handys kommt ihr ihr Sohn oft unkonzentriert vor.

Mandy bevorzugt ein Verbot an Grundschulen und wünscht sich auch mehr Aufklärungsarbeit zum Umgang mit Social Media an den Schulen. Was ist Ihre Meinung? Was sind die Pläne von Ihnen? 
Jan Riedel: Also ich stimme ihr zu, dass wir viel mehr Aufklärungsarbeit leisten müssen und auch die Gefahren, aber auch die Chancen von diesen digitalen Geräten und Social Media in den Mittelpunkt stellen müssen. Ich bin gegen prinzipielle Verbote. Also ich denke, dass wir immer altersangemessen schauen müssen, was notwendig und was sinnvoll ist. Natürlich sollen Grundschüler nicht auf dem Schulhof rumlungern und auf ihre Handys starren. Es ist auch nicht okay, wenn Schülerinnen und Schüler in der Schule, obwohl sie noch das notwendige Alter noch nicht haben, in Social Media unterwegs sind. Da müssen wir Lösungen finden in der Schule. Und da haben ja die Schulen auch schon Lösungen gefunden. Ein generelles Verbot halte ich für nicht geboten, weil dadurch also die Lebenswirklichkeit nicht abgebildet wird. Wir müssen lernen, damit umzugehen, das konstruktiv zu machen, genauso wie wir Erwachsenen. Also meine Frau ermahnt mich immer, leg da jetzt mal das Handy weg. Guck mal, die Kinder, die machen das schon so genauso wie du. Und da hat sie vollkommen recht. Und da müssen wir Erwachsenen uns auch an die Nase greifen und können nicht sagen, das muss doch die Schule für uns regeln, sondern das ist nur ein Abbild letzten Endes unserer Gesellschaft. Übrigens habe ich das gesagt, ich finde, in der Grundschule, habe ich mal im Interview gesagt, muss man es vielleicht noch nicht machen. Da hat mir meine Frau, die ist Grundschullehrerin, gesagt, sag mal, wir nutzen das schon in der ersten Klasse, da gehen wir auch mal ins Internet oder gucken uns hier mal was an. Also auch da ist es zum Teil schon gelebte Praxis, mit digitalen Endgeräten zu arbeiten. Wir werden das nicht aufhalten.
 

Thema: Ski-Klassenfahrten

Skifahren. Also schon in Gedanken bei diesem Wetter eine wunderbare Ablenkung an den Schulen, aber auch gerne teilweise recht kostspielig als Skiklassenfahrt angeboten. Der Emil, der ist 15 Jahre und möchte ganz gerne wissen, ob es die Ski-Klassenfahrten weitergeben wird. Das stand ja mal zur Diskussion.

Wird es Ski-Klassenfahrten weiter geben?
Jan Riedel: Ich denke, hier muss man ein bisschen unterscheiden. Also es gibt einen Unterschied zwischen Klassenfahrt und diesen Skikompaktkursen, die es hier gibt. Diese Skikompaktkurse mitunter auch Snowboard und andere Sportarten, das ist Unterricht am anderen Ort. Dort wird also sozusagen Leistung abgefordert, da wird eine Note erwerbt, mehrere Noten erteilt. Das ist also Sportunterricht in der Regel in der Oberstufe an einem anderen Ort, nämlich im Skigebiet. Eine Klassenfahrt, die kann jede Schule machen und wenn die Eltern damit einverstanden sind und wenn also das Personal abgesichert ist, dann kann also auch eine Skiklassenfahrt machen. Das ist dann wirklich eine Frage des Preises am Ende.

Aber letztendlich wird es diese Skikurse für die Schulen weiter geben? 
Jan Riedel: Ja, die wird es weitergeben. Das ist eine wirklich gute und auch gelebte Tradition in Sachsen-Anhalt. Ich habe das selber über viele Jahre begleitet, war also auch als Skilehrer sozusagen, auch als Snowboardlehrer teilweise mit dabei. Und ich kann einfach sagen, das ist tatsächlich ein krasses Bildungserlebnis, wenn man mal an seine Grenzen körperlich geht. Das sind ja viele dabei, die zum ersten Mal Ski fahren, auch viele dabei, die mitunter im Privaten das nie machen würden, weil es finanziell nicht möglich ist. Man muss ja auch sagen, wir finden in Sachsen-Anhalt durch Kooperationen von Schulen relativ gute Möglichkeiten, das relativ günstig anbieten zu können im Vergleich gesehen. Und da sind viele Schülerinnen und Schüler, die da wirklich ein Erlebnis fürs Leben mitnehmen und auch mal über ihre Grenzen hinausgegangen sind. Und ich glaube, das ist ein guter Beitrag zum Thema Integration, zum Thema Teilhabe. Und ich finde, das sollte weitergemacht werden.
 

Thema: Inklusion an Schulen

Der Gerd aus Wanzleben schreibt, dass ihr Vorgänger, der Marco Tollner, die Inklusion in der Schule öffentlich für gescheitert erklärt hat. Also das Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern in einem Klassenraum, in einer Klasse. Passiert sei nach dieser Aussage nichts mehr.

Also deshalb die Frage, wie soll die Inklusion mit so wenigen Stunden zur Förderung geleistet werden? 
Jan Riedel: Ja, ich würde ihm da schon der Situation zustimmen, dass natürlich eine Inklusion, die sozusagen heißt, dass also Schülerinnen und Schüler mit starken Beeinträchtigungen einfach in Regelschulklassen gesetzt werden, ohne dass da mehr Personal ist, ohne dass da mehr Expertise ist, dass das muss scheitern. Also Sie können also nicht nur Grundschullehrerinnen, die schon 25 Kinder hat, noch ein sozialemotional höchst auffälliges Kind einfach dazusetzen und sagen, ja, integriere das mal. Das funktioniert nicht. Und das ist, glaube ich, die Krux bei dieser Inklusion. Wenn wir das angehen wollten und sollten und müssten, dann müssten wir mit ganz anderen Ressourcen reden. Dann müssen wir Strukturen verändern. Und das macht man nicht einfach mal so in einem Federstreich, sondern dazu braucht es einen breiten Diskurs. Letzten Endes klar ist, die Menschen haben Anspruch auf Inklusion. Die Schülerinnen und Schüler haben Anspruch, auch wenn sie beeinträchtigt sind, ein so normal wie mögliches Leben zu führen. Und das muss unser Anspruch sein. Und wir müssen schauen, in welcher Schule, ob das jetzt eine Förderschule ist oder ob das eine Regelschule ist, wir das gewährleisten können. Aber dann bitte nicht auf dem Rücken der Lehrkräfte so nach dem Motto, damit das oben drüber steht, Inklusion, mach das jetzt mal bitte mit. Das kann nicht funktionieren.

Holger Tapper: Mein ältester Sohn hat die letzten Schuljahre auf der Sahle-Schule in Halle verbracht. Das ist eine private Schule, wo man auch Schulgeld bezahlt. 
Da hat das mit der Inklusion eigentlich auch gerade in seiner Klasse ganz wunderbar funktioniert. Ist es dann am Ende auch wirklich nur eine Geldgeschichte? 
Jan Riedel: Die Sahle-Schule kenne ich ziemlich gut, ja. Natürlich ist das eine freie Schule und die haben natürlich die Möglichkeit, auch ein viel breiteres Spektrum an Personal zum Beispiel auch einzustellen. Die haben sehr viele Integrationshelfer, pädagogische Mitarbeiter. Das zahlen sie als Eltern natürlich ein Stück weit auch mit, klar. Letzten Endes ist uns das an staatlichen Schulen nicht in der Breite möglich, wie das dort eventuell auch vorherrscht. Das ist schon so ein Stück weit eine Orientierung, das ist richtig. Und ich glaube auch, dass es im Land kommunale Schulen gibt, die das abbilden können. Aber jetzt gerade in Zeiten des Lehrkräftemangels ist das natürlich umso schwerer. Wir versuchen schon, alle möglichen Personalkategorien an Schule zu bringen und uns gelingt es nicht mehr, diese Fachkräfte zu finden. Wie überall in der Wirtschaft finden wir die Fachkräfte nicht in entsprechender Zahl. Das ist wirklich eine Herkulesaufgabe, vor der wir da stehen. Und ja, ich will da jetzt den Kopf nicht in den Sand stecken, aber das werden wir nicht schnell lösen können.
 

Thema: Mindestgrößen für Klassen

Bleibt es denn bei dem Beschluss Ihrer Vorgängerin zum Mindestgröße der Klassen, was zu überfüllten Klassen führt Ihrer Meinung nach? 
Jan Riedel: Ja, das ist auch eine wirklich berechtigte Frage, aber auch eine schwierige Sachlage. Wir wissen ja, wir haben Lehrkräftemangel, wir haben zu wenig Personen in Schule, die diese Schule am Leben halten und deswegen kommen wir auch nicht umhin, ein Stück weit enger zusammenzurücken. Das ist so und das muss man auch ganz klar sagen. Diese Mindestgrößen der Klassen wurden ja nicht nach oben gesetzt, um jemanden zu ärgern, sondern eigentlich, um allen Kindern das Maß an Bildung noch zuteilwerden zu lassen, das notwendig ist, damit sie einen erfolgreichen Lebensweg haben können. Und deswegen, glaube ich, ist das auch eine solidarische Frage, eine solidarische Gemeinschaftsleistung letzten Endes, da jetzt zu versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Und ich weiß, dass die Kolleginnen und Kollegen das vor Ort machen und es ist auch nicht überall so. Wir haben durchaus auch Schulen mit relativ kleinen Klassen und wir haben halt auch, vor allen Dingen im städtischen Raum, Schulen mit sehr großen Klassen.

Thema: Beamtenstatus

Warum müssen denn Lehrer verbeamtet sein, wenn es auch unverbeamtete Lehrer gibt?
Jan Riedel: Man muss wissen, es gibt ja die unverbeamteten Lehrer, weil wir in den ersten Jahren nach der Wende nicht verbeamtet haben. Und auch relativ spät, glaube 2003, hat das Land Sachsen-Anhalt angefangen, das systematisch zu betreiben, diese Beamtung, aber doch nicht, weil sie gesagt haben, das muss sein, sondern es musste sein, damit wir konkurrenzfähig bleiben. Und heutzutage ist es so, wenn wir uns anschauen, die Bundesländer um uns herum, die verbeamten alle und wir können jetzt einen Sonderweg gehen und sagen, naja, das ist ja die Diskussion. Lehrkräfte sind ja nicht zwingend notwendig, um die staatliche Daseinsfürsorge aufrechtzuerhalten. Würde ich jetzt auch mal bezweifeln. Denken wir bitte mal an Corona, was da los gewesen ist. Aber okay, so kann man argumentieren. Und deswegen müssen, sollten die nicht verbeamtet werden, dann würden wir auf einen Schlag viel weniger Bewerber haben. Und ich glaube, das wäre auch nicht im Interesse unserer Bevölkerung.

Thema: Lehrersuche

Das Land Sachsen-Anhalt sucht fast 300 neue Lehrer und das sehr kurzfristig. Warum ist das nicht längerfristig bekannt, damit früher gesucht werden kann? 
Jan Riedel: Also es ist ja so, wir haben fortlaufend im Jahr Ausschreibungen. Also früher gab es das, da gab es nur eine Ausschreibung zum Schuljahresbeginn. Jetzt haben wir mehrere Ausschreibungssituationen im Jahr und wir suchen also nicht nur 300, sondern wir suchen nahezu 1000. Und wir reagieren auch immer wieder auf die Bedarfslagen. Also jetzt geht die Schule zum Beispiel los und man merkt, okay, da ist jemand langzeitkrank, da wurde jemand versetzt. Da gibt es andere Dinge, die so auftreten. Und dann kann auch wieder nach ausgeschrieben werden. Und manchmal ist es auch so, dass wir in der einen Ausschreibungsrunde einfach die Person nicht gefunden haben. Dann wird es nochmal ausgeschrieben und in der nächsten Ausschreibungsrunde finden wir die. Das heißt also, die passieren fortlaufend aller zwei Monate, diese Ausschreibung. Und deswegen gibt es auch jetzt eine, die vielleicht nicht direkt zum Schuljahresanfang wirksam wird, aber in den nächsten Wochen und Monaten.

Thema: Bildung bundesweit vereinheitlichen

Seit Jahren kommt ja immer wieder die Forderung auf, Bildung in ganz Deutschland zu vereinheitlichen und nicht jedes Land die eigene Bildung verantwortet. Wie ist da Ihr Standpunkt? 
Jan Riedel: Da wäre ich ja mein Job los. Das ist einfach mal ein Wesen unserer Bundesrepublik, der Föderalismus. Das hat auch einen historischen Sinn. Ich würde es den Geschichtslehrern durchkommen lassen, aber dass wir ein föderalistischer und sehr partikularer Staat sind, wo viele Interessen abgewogen werden müssen, das hat Sinn. So haben sich das die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes auch vorgestellt, dass das so ist und dazu gehört auch die Bildungspolitik. Das hat mitunter auch Stilblüten, über die man wirklich mal nachdenken sollte. Auf der anderen Seite gehört es also zu unserer politischen DNA und es gibt ja auch sowas wie die Bildungsministerkonferenz, früher die Kultusministerkonferenz, die also genau dafür da ist, diese Prozesse anzugleichen. Wenn man sich zum Beispiel die Abiture anschaut in unserem Bundesland, dann werden wir feststellen, dass wir immer mehr Aufgaben aus einem gemeinsamen Aufgabenpool aller Bundesländer ziehen, sodass es also mehr Gleichheit und auch mehr Transparenz gibt in dieser Frage. Also wir bewegen uns da schon aufeinander zu, aber den Bildungsföderalismus abzuschaffen, das wird mir nicht gelingen.

Thema: Tests und Klausuren

Wie sieht es denn überhaupt mit der Benotung aus, mit den ganzen Tests, mit den ganzen Arbeiten? Da gab es auch einige Anmerkungen, dass es davon zu viele geben würde, von den Tests. Was halten Sie davon, wenn man die reduzieren würde? 
Jan Riedel: Das ist wirklich eine spannende Diskussion, die ich auch selber mal in meiner Schule vor einigen Monaten und Jahren angeregt habe. Schule ohne Noten, was passiert sozusagen, wenn wir nicht für die Note lernen, sondern wenn wir lernen, um des Lernens Willens, um uns weiterzuentwickeln. Das ist eine sehr spannende Frage. Leider ist der Mensch manchmal nicht so strukturiert, dass er sagt, ich mache das immer aus einer Eigenmotivation heraus. So ist leider auch die Realität und das wissen wir alle. Auf der anderen Seite muss man sagen, Sachsen-Anhalt hat schon ein sehr progressives Leistungsbewertungsrecht. Es gibt einen Leistungsbewertungserlass. Wenn Sie mal Lust haben, gucken Sie da mal rein. Da stehen Dinge drin, wie viele Klassenarbeiten müssen überhaupt geschrieben werden. Man muss nicht zwei pro Halbjahr schreiben, es reicht auch eine. Dann kann man die Klassenarbeit auch ersetzen mit einer komplexen Leistung. Es gibt ganz viele Möglichkeiten, das war nur ein Beispiel, wie diese klassische Benotung und dieser ständige Notendruck auch einmal etwas minimiert werden kann, um wirklich dahin zu kommen, was wirklich wichtig ist, nämlich wir lernen fürs Leben.

Kurze Fragen, kurze Antworten

  • Familienstand? 
    Verheiratet.
  • Kinder? 
    Fünf.
  • Wie aufgeteilt? 
    Zweimal Zwillinge, 11 & 11, 15, 17 & 17. 
  • Und dürfen die auch mal blau machen? Und wenn Ja, mit welcher Begründung? 
    Nein, fällt aus. Also ich finde, blau machen ist echt schwierig, auch an die Schülerinnen und Schüler da draußen. Also es ist immer besser, da zu sein, alles mitzubekommen, als dann hinten ran irgendwie alles sich zusammen suchen zu müssen. 
  • Frühstück vor der Schule Ja oder Nein? 
    Nein. 
  • Warum nicht? 
    Also ich nicht. Die Kinder müssen natürlich, aber ich mache das nicht. Ich versuche mal so ein bisschen Intervall zu fasten, um irgendwie in Form zu bleiben. 
  • Meine Hobbys sind? 
    Oh, ich lese sehr gern und arbeite im Garten und fahre Fahrrad und fahre gern Ski und auch Snowboard. 
    Die Schule sollte frühestens wann beginnen? 8.30 Uhr. Da gibt es so ein Gymnasium in Halle, die machen das so. Nein, also das muss jede Schule auch ein Stück weit für sich entscheiden. Die Studienlage ist ganz klar. Also vor allen Dingen, wenn die Kinder in die Pubertät kommen, ich rede nicht von Grundschülern, aber in der weiterführenden Schule, dann ist es schon geboten, auch mal über diese Zeiten gern offen nachzudenken. 
  • Der beste Schummeltrick, der immer noch funktioniert? 
    Ich habe nie geschummelt. Ich weiß es wirklich nicht. 
  • Was haben Sie in den letzten Sommerferien gemacht? 
    Ich wollte in Urlaub fahren. Da ist da was dazwischengekommen irgendwie. Dann ist aus dem dreiwöchigen Urlaub sind dann zwei, drei Tage geworden. Hin und her fliegen und alles Mögliche und zum Kabinett gehen und wieder die Familie abholen in Italien. Ja, war ein bisschen verrückt. 
  • Der Job des Lehrers ist wie? 
    Gold. 
  • Der Job des Ministers ist wie? 
    Noch goldener.
  • Im September 2026 ist Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und danach hat der Verantwortliche für das Ressort Bildung welchen Namen? 
    Hoffentlich Jan Riedel.

Haben Sie denn selbst noch irgendetwas auf dem Herzen, was wir weitergeben können? 
Jan Riedel: Ja, vielleicht hören uns ja Lehrkräfte auch zu. Ich möchte eigentlich sagen, vielen Dank für die Arbeit, die die da leisten unter den erschwerten Bedingungen. Und wir versuchen alles, um die Arbeitsbedingungen weiter zu verbessern. Und an die Eltern und Schüler da draußen, Schule ist einfach ein toller Ort. Helft alle mit, den so zu gestalten, dass wir uns alle wohlfühlen können. Ich glaube, dann kommen wir alle ein Stück vorwärts.

Jan Riedel am radio SAW Mikrofon kurz vorm Interview in Studio 3 im Funkhaus von radio SAW
Jan Riedel am radio SAW Mikrofon kurz vorm Interview in Studio 3 im Funkhaus von radio SAW
1. Vorstellung und Kurzfragerunde
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  • 1. Vorstellung und Kurzfragerunde
  • 2. Fächer in Schulen fallen aus + Wie kann man Job des Lehrers wieder attraktiver machen?
  • 3. Bürokratische Hürden für Seiteneinsteiger + Wann gibt es Lösungen
  • 4. Gleichbehandlung von Seiteneinsteigern + Wie ist Bezahlung von Seiteneinsteigern
  • 5. Hitzefrei oder verkürzter Unterricht + Wie haben sie das gehandhabt + Von wie viel Grad sprechen wir da
  • 6. Warum beginnt neues Schuljahr an einem Montag + Warum sind die Ferien nicht acht Wochen lang
  • 7. Sollte es Handyverbote und mehr Aufklärung in Sachen Social Media an den Schulen geben
  • 8. Wird es in Zukunft noch Ski-Klassenfahrten geben
  • 9. Wie kann Inklusion an Schulen besser gelingen + Ist es am Ende eine Frage des Geldes
  • 10. Soll es bei den Mindestgrößen für Klassen bleiben
  • 11. Warum müssen Lehrer verbeamtet sein, wenn es auch unverbeamtete Lehrer gibt
  • 12. Warum ist es nicht schon länger bekannt, dass in Sachsen-Anhalt Lehrer gesucht werden
  • 13. Sollte Bildung vereinheitlicht werden. Jetzt verantwortet jedes Bundesland einzeln ja die Bildung
  • 14. Sollte die Anzahl von Tests und Klausuren reduziert werden
  • 15. Was haben sie noch auf dem Herzen
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