Windkraft

Enercon hält an Stellenabbau fest

Was die Landesregierung jetzt unternimmt
Mittwoch, 13. November 2019

Hans-Dieter Kettwig,

Hans-Dieter Kettwig, Geschäftsführer von Enercon

«Letztendlich müssen wir jetzt für uns ganz klar festhalten, dass an dem Schritt, den wir am Freitag angekündigt haben, kein Weg vorbeigeht», sagte Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig.

Ein wesentlicher Grund sei, dass in Deutschland in letzter Zeit kaum noch neue Windkraftanlagen errichtet worden seien. «Es bricht etwas weg, was wir nicht auffangen können.» Mögliche Schritte der Bundesregierung zur Wiederbelebung der Windenergie könnten den Jobabbau nicht mehr verhindern. «Die Maßnahmen, die wohlwissend jetzt angepackt werden können und die kurz- und mittelfristiger Natur sind, kommen jetzt zu spät», sagte Kettwig. «Die Messe ist gelesen.»

Was hat Enercon genau vor?

Enercon - einer der größten deutschen Hersteller von Windkraftanlagen - hat am Freitag eine umfassende Neuausrichtung angekündigt, mit der auch rund 3000 Jobs wegfallen sollen. Von dem Stellenabbau dürften die Standorte in Ostfriesland und Magdeburg jeweils zur Hälfte betroffen sein. Aber auch bei Produktionspartnern, Zulieferern und Zeitarbeitsfirmen ist mit Einschnitten zu rechnen. «Uns ist bewusst, was dieser schmerzhafte Schritt für die Beschäftigten in den betroffenen Unternehmen bedeutet», sagte Enercon-Chef Kettwig. Das tatsächliche Ausmaß an den einzelnen Standorten und die Auswirkungen auf die Lieferketten ist laut Enercon jedoch noch nicht abzusehen.

Wie groß ist die Krise der Windindustrie?

Früher war Deutschland der größte Markt für Windkraftanlagen in Europa. Doch diese Zeiten sind vorbei, jetzt herrscht Flaute. Vor allem der Ausbau der Windkraft an Land ist im ersten Halbjahr 2019 eingebrochen. Nur rund 150 Anlagen wurden neu errichtet, rund 80 Prozent weniger als im Vorjahr. Enercon ist dabei kein Einzelfall: Im April meldete der Hamburger Konkurrent Senvion Insolvenz an. Und Nordex aus Rostock rutschte in den ersten neun Monaten tiefer in die roten Zahlen - der Nettoverlust stieg von 51,8 Millionen auf 76,5 Millionen Euro.

Als Hauptgründe für die Krise gelten lange Genehmigungsverfahren, zu wenige Flächen und viele Klagen von Bürgerinitiativen. Nach Angaben der Gewerkschaft IG Metall stehen Zehntausende Jobs in strukturschwachen Regionen auf dem Spiel.

Warum ist die Windbranche wichtig?

Die Windenergie ist besonders klimafreundlich. Nach Angaben des Umweltbundesamts hat eine Anlage bereits nach drei bis sieben Monaten so viel Energie produziert wie für Herstellung, Betrieb und Entsorgung aufgewendet werden muss. Das sei selbst im Vergleich mit anderen erneuerbaren Energien eine kurze Zeit. Um die Klimaziele zu erreichen, will die Bundesregierung bis 2030 den Anteil von Ökostrom beim Stromverbrauch auf 65 Prozent steigern. In den ersten neun Monaten 2019 lag der Anteil erst bei rund 43 Prozent. Da die Atomkraftwerke vom Netz genommen werden und auch mit Strom aus Kohle Schluss sein soll, drängt die Zeit, um die Erneuerbaren auszubauen.

Ministerpräsident Weil erneuerte deswegen im Gespräch mit der «Emder Zeitung» (Mittwoch) seinen Ruf nach einem «Neustart der Energiewende». Bereits nach Bekanntwerden des Stellenabbaus bei Enercon hatte er gemahnt, dass neben den Jobs auch die Glaubwürdigkeit der Klimapolitik auf dem Spiel stehe. «Ohne Windenergie kein Klimaschutz», sagte er nun der Zeitung.

Was macht Sachsen-Anhalts Landespolitik?

Am Montag trifft sich Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) mit der Geschäftsführung von Enercon zu einem zweiten Krisentreffen. Im Radio SAW-Interview sagt Willingmann dazu: "Es geht darum, welche Töchterunternehmen betroffen sind und welche Fachkräfte betroffen sind." Enercon selbst spricht von bis zu 1500 Arbeitsplätzen, die in Magdeburg wegfallen sollen. Hier müsse man hinterfragen, ob ein solcher Abbau auch erforderlich ist. 

Zudem will die Regierung sich mit den Gewerkschaften und  der Arbeitsagentur zusammensetzen. Einige Zulieferer in Magdeburg arbeiten exklusiv für Enercon. Ein Wegfall der Rotorenfertigung wäre existenzbedrohend. Aus dem ersten Krisentreffen in Hannover entnehme Wirtschaftsminister Willingmann, dass Enercon sich in der Pflicht sehe. Bei Sozialplänen oder Transfergesellschaft habe das Unternehmen erklärt, sich nicht zurückzuziehen. 

Was macht Niedersachsens Landespolitik?

Zunächst einmal stehen Gespräche an. Nach dem Krisentreffen von Weil und Althusmann mit Enercon-Chef Kettwig reist der Wirtschaftsminister noch am Mittwoch nach Aurich, wo Enercon seinen Sitz hat. Dort will sich Althusmann mit dem Landrat und der IG Metall beraten. Weil wird laut Staatskanzlei am Samstag mit Energieminister Olaf Lies (SPD) nach Aurich fahren, um mit Arbeitnehmervertretern zu sprechen.

Lies hat zudem einen Sechs-Punkte-Plan vorgeschlagen: Darin formuliert der Energieminister das Ziel, jährlich Windenergieanlagen an Land mit einer Gesamtleistung von fünf Gigawatt zu bauen. Daneben bringt er unter anderem Staatsbürgschaften für kriselnde Unternehmen der Branche ins Spiel. Auch Regeln zur Flugsicherheit müssten geändert werden, fordert Lies: Statt wie bisher 15 Kilometer Abstand zu sogenannten Drehfunkfeuern einhalten zu müssen, reichten auch die in anderen Ländern üblichen 10 Kilometer.

Und was unternimmt die Bundespolitik?

Anfang September hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) angesichts des stagnierenden Ausbaus zu einem «Windkraftgipfel» geladen. Im Oktober kündigte er dann Maßnahmen an: Dazu gehören neben verschärften Regelungen zum Abstand von Windrädern zu Wohnhäusern auch Änderungen beim Artenschutz. Die Abstandsregelung soll die Akzeptanz der Windkraft erhöhen - macht aber auch die Suche nach Flächen für die Branche schwieriger. Kritiker sehen sie deshalb nicht als Antrieb, sondern als weitere Hürde für den Ausbau. Länder und Kommunen sollen nun selbst entscheiden können, ob sie von dieser Regelung abweichen oder nicht.

Der Chef des IG-Metall-Bezirks Küste, Meinhard Geiken, schlug zudem vor, die Bundesregierung könne «mit einer Verlängerung der Kurzarbeit von 12 auf 24 Monate für die Windbranche in der Strukturkrise kurzfristig eine Möglichkeit schaffen, um die Beschäftigten zu halten statt zu entlassen».

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