«Wegovy» ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das beim Abnehmen und Halten von Gewicht helfen soll, indem es den Appetit zügelt und das Sättigungsgefühl steigert. Für diese Nutzung können Ärztinnen und Ärzte das Mittel des dänischen Unternehmens Novo Nordisk seit Mitte Juli 2023 in Deutschland verschreiben. Patienten spritzen es sich mit einem Fertig-Pen, der einem Stift ähnelt, einmal pro Woche unter die Haut.
Vor allem in Social Media feiern Nutzer ihre Abnehmerfolge und sorgen damit für einen weltweiten Hype um das Medikament - nicht nur bei Leuten, die unter Adipositas leiden.
Der «Wegovy»-Wirkstoff imitiert die Wirkung eines Darmhormons. Dieses wird normalerweise nach dem Essen freigesetzt und signalisiert der Bauchspeicheldrüse, Insulin zu produzieren.
Der zweite Effekt ist, dass dem Gehirn mitgeteilt wird: "Es gab was zu Essen", woraufhin das Gehirn auf Sättigungsempfinden umstellt - man muss sich als Patient dann nur zusammennehmen, nicht trotzdem zu essen, weil man ja weiß, dass man nix gegessen hat und nur die Spritze wirkt.
Die dritte Wirkung ist, dass dem Magen signalisiert wird, dass noch genügend Essen im Dünndarm sei, die Magenentleerung also verzögert werde. Insbesondere diesen Effekt bemerkten Patienten als Nebenwirkung - nämlich Übelkeit, weil man nicht richtig zur Toilette kann. Das lege sich aber in der Regel, wenn die Leute sich daran gewöhnten, kleinere Portionen zu essen.
Neben Übelkeit komme es zu Beginn der Therapie häufig zu weiteren Magen-Darm-Beschwerden wie Erbrechen, Durchfall und Verstopfung, sagt Karsten Müssig von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Diabetologie am Franziskus-Hospital Harderberg. Daher werde mit einer niedrigen Dosis begonnen, die nach und nach gesteigert werde. Seltene Nebenwirkungen seien eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse und Darmverschluss. «Deshalb sollte die Behandlung nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen», mahnt Müssig.
Eine jüngst in der Fachzeitschrift «Jama Ophthalmology» veröffentlichte Studie deutet darauf hin, dass Semaglutid in sehr seltenen Fällen mit einer schweren Augenerkrankung einhergehen könnte - der sogenannten nicht-arteriitischen anterioren ischämischen Optikusneuropathie (NAION). Erwiesen sei dies zwar nicht, ernst nehmen müsse man es aber schon, sagt Horst Helbig von der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) und vom Universitätsklinikum Regensburg. Die Klärung dieser Frage bedürfe weiterer Untersuchungen und einer sorgfältigen Beobachtung von Patienten.
Berichte deuten auf ein weiteres Phänomen hin, bekannt unter dem Begriff «Ozempic Face»: Generell kann bei einer schnellen Gewichtsabnahme das Gesicht eingefallen und stark gealtert wirken.
Adipositas sei ebenso wie Diabetes eine chronische Erkrankung, sagt Laudes, daher müsse das Medikament lebenslang genommen werden. «Bei einem Diabetesmedikament würde ja auch niemand sagen, das könne man nach sechs Monaten absetzen», sagt Laudes. «Jeder adipöse Mensch hat sein Leben lang das Problem, dass er immer wieder zunehmen kann.» Das sehe man etwa auch nach Magenverkleinerungen.
Eine Adipositas-Therapie sollte immer auch eine Änderung des Lebensstils enthalten, etwa im Sinne einer ausgewogenen Ernährung und regelmäßiger körperlicher Bewegung, sagt der DGE-Experte Müssig. Die Kost sollte kalorienreduziert und ballaststoffreich sein und außerdem weniger gesättigte und mehr ungesättigte Fettsäuren enthalten - ähnlich wie bei der mediterranen Ernährung.
Der Preis der Adipositas-Therapie beläuft sich laut Müssig auf etwa 300 Euro monatlich. Patienten müssen die Kosten selbst tragen, denn das Medikament wird nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Unter der Behandlung mit Semaglutid - also «Wegovy» oder «Ozempic» - habe es bei Frauen, die längere Zeit einen unerfüllten Kinderwunsch hatten, Schwangerschaften gegeben, sagt Ulrich Knuth, Vorsitzender des Bundesverbands Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschland (BRZ). Valide Zahlen dazu gebe es allerdings nicht. Möglicherweise, so der Experte, spiele hier die Verringerung des Körpergewichts eine Rolle. Es sei bekannt, dass Adipositas die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft verringere.
Während der Schwangerschaft und Stillzeit soll das Präparat nicht verwendet werden. Wer ein Kind bekommen wolle, sollte Semaglutid mit einem Vorlauf von mindestens zwei Monaten absetzen, schreibt die europäische Arzneimittelbehörde EMA.
Das Diabetesmedikament «Ozempic» sei schon lange Zeit jenseits der eigentlichen Zulassung - also gegen Typ-2-Diabetes - zur Gewichtsreduktion eingesetzt worden, sagt Diabetologe Müssig. Die Einführung von «Wegovy» ging vor einem Jahr mit der Hoffnung einher, dass «Ozempic» nicht länger als Adipositas-Medikament eingesetzt wird und verstärkt den Diabetes-Patienten zur Verfügung steht. Zwar habe sich inzwischen die Verfügbarkeit von «Ozempic» gebessert, aber es gebe weiterhin Lieferengpässe. Adipositas-Experte Laudes sagt, auch bei «Wegovy» sei die Nachfrage größer als die Produktion.
Diese Situation erhöht das Risiko von Produktfälschungen - und die EMA warnt explizit vor dem Kauf solcher Präparate auf dem Schwarzmarkt. Zudem sollten die Präparate nur für die jeweiligen Zulassungen - Typ-2-Diabetes und Adipositas - zum Einsatz kommen. Wenn nicht adipöse Menschen solche Medikamente lediglich dazu nutzten, um ihre Figur zu optimieren, verschlimmere dies die ohnehin bestehenden Engpässe.
Nein. Der US-Pharmakonzern Eli Lilly vertreibt inzwischen unter dem Namen «Mounjaro» ebenfalls eine Abnehmspritze - sie beinhaltet den Wirkstoff Tirzepatid, der ebenso wie Semaglutid ein GLP-1-Rezeptoragonist ist. Sie ist seit Ende vergangenen Jahres in der EU zugelassen.
Gerade ergab eine Studie, dass sich damit deutlich eher ein starker Gewichtsverlust erreichen lässt als mit Semaglutid. Die Nebenwirkungsrisiken beider Substanzen seien vergleichbar, berichtet das Forschungsteam im Fachjournal «JAMA Internal Medicine». Aussagen zu Langzeitfolgen sowie zum Erreichen wichtiger Ziele wie einem verringerten Risiko für Herzinfarkte ließen sich aus der Analyse aber nicht ableiten.