29 Jahre Mauerfall

Eine Nacht voller Jubel und Freudentränen
Freitag, 9. November 2018

Mit Schabowskis Stotterer «sofort... unverzüglich» beginnt am 9. November 1989 die Nacht des Mauerfalls. Bis zum nächsten Morgen können die Schlagbäume zwischen Ost- und Westdeutschland dem Lauf der Geschichte nicht mehr standhalten.

Als sich nach 29 Jahren in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 die Mauer öffnet, machen sich Zehntausende DDR-Bürger auf den Weg in den Westen. Es ist der Auftakt zur Deutschen Einheit. Auf den Tag genau, den 9. November 2018, ist die Mauer genauso lange verschwunden, wie sie einst gestanden hat.

Zum Gedenken an den historischen Mauerfall von vor 29 Jahren lassen wir die Ereignisse noch einmal Revue passieren, fragen Stars und Prominente, was sie in der Nacht des Mauerfalls gemacht haben.

Wie haben deutsche und internationale Stars die Nacht verbracht?

Wie hat Sänger Campino von den "Toten Hosen" die Nacht der Nächte erlebt? Wo war Schauspieler Heiner Lauterbach? Was dachten Hollywoodgrößen wie Denzel Washington als sie die Fernsehbilder sahen?

Erster Magdeburger Grenzgänger am 9. November 1989

Eckart Jahnke durfte am 9. November 1989 als erster Magdeburger über den Grenzübergang Helmstedt-Marienborn fahren. Dieser war der größte und bedeutendste Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze während der deutschen Teilung.

Der DDR-Bürger nutzte diesen Moment und fuhr mit seiner Familie im Wartburg zu seinem Bruder nach Duisburg in den damaligen Westen und verbrachte dort acht Tage. Hier könnt Ihr Euch seine Geschichte anhören.

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radio SAW Redakteur Michel Holzberger und Eckart Jahnke im radio SAW-Studio.

Ingolf Kloss' persönliche Geschichte zum Mauerfall

Ausflug nach Schirnding

Leipzig, 05.11.1989: Am frühen Morgen werde ich von meinen Eltern geweckt: „Guten Morgen! Wir frühstücken jetzt und danach wird gepackt. Aber nur das Wichtigste, hörst du!?“ Ich hatte am Tag zuvor nur ein paar Wortfetzen durch die Küchentür mitbekommen, darunter Schlagwörter wie „Tschechei“, „Grenze auf“ und „Wir können doch nicht einfach“.

Offenbar können wir doch! An diesem Sonntagmorgen war die Entscheidung bereits gefallen, als ich noch seelenruhig in den Teenager-Träumen eines 15-jährigen versunken war. Die hatten nichts mit Flucht, goldenem Westen oder Neubeginn zu tun. Eher mit dem Mädel aus meiner Klasse, mit der ich mich so gerne mal außerhalb des Schulgeländes getroffen hätte. Zumindest diese Problematik hat sich damit schlagartig erledigt. Nun stehe ich vor einem ganz anderen Problem: Was packt man denn ein, wenn man sich von seinem alten Leben trennen muss? Wie viele Taschen darf ich füllen? Wie viel Platz gibt es überhaupt für mich in unserem beigen Wartburg?

Gegen 10 Uhr liegen meine beiden prall gefüllten Taschen im Kofferraum und die wichtigsten Utensilien griffbereit neben mir auf dem Rücksitz: Kassetten und mein Sanyo-Kassettenrecorder (mein ganzer Stolz). Das Ziel heißt nun „Schirnding“. Keine Ahnung, wo das liegt, vermutlich im goldenen Westen. Da, wo alles bunt ist und es überall gut riecht. Sagt man. Ob wir jemals dort ankommen werden? Ich befürchte ein schlimmes Ende, versuche mich aber mit Musik abzulenken. Am frühen Nachmittag haben wir das Vogtland erreicht und ich habe mein bayerisches Lieblings-Radioprogramm erstmals ohne Rauschen im Ohr. Gleich kommt „Swing the seeds of love“ von Tears for fears. Das kann ich endlich mal rauschlos mitschneiden. Toll! Danach Kaoma mit “Lambada”? Nö. Hab ich schon. Während ich meine Kassette zurückspule, um mir noch einmal Tears for Fears anzuhören, bleibt unser Wartburg stehen. Und mit ihm mein Herz. Zumindest kurzzeitig.

Tschechoslowakische Grenzpolizisten verlangen unsere Ausweise, ohne aber einen Blick darauf zu werfen. Stattdessen winken sie uns durch. „Wo müssen wir denn lang, um direkt zur BRD-Grenze zu kommen?“, will mein Vater noch wissen. „Fahren Sie einfach wie die anderen. Ist nicht weit“, ist die beinah gelangweilte Antwort der Grenzpolizei. Es sind nur wenige Kilometer im Schneckentempo durch die CSSR, bis wir komplett zum Stehen kommen. Draußen ist es nebelig, dunkel und verdammt kalt. Vor uns eine nicht enden wollende Schlange an Trabis, Wartburgs und Ladas. In ihnen eine gespannte, aber trotzdem unaufgeregte Stimmung. Stundenlanges Warten. Keine Bewegung. Draußen ein furchtbarer Benzin- und Öl-Gestank. Gelegentliches Weiterreichen von Informationen von einem 2-Takter zum nächsten. Plötzlich eine Information, die alles verändert: „Die haben die Grenze für Autos dicht gemacht. Geht nur noch zu Fuß.“ Wir beobachten, wie hunderte Menschen ihr Hab und Gut aus den Kofferräumen holen und ihre Autos einfach so in den Straßengraben schieben. Meine Eltern beschließen zu warten. Wenn es nötig ist bis zum nächsten Morgen. Keine schlechte Entscheidung. Durch die rasant kleiner werdende Autoschlange vor uns, kommen wir doch wieder voran und sehen in 100 m Entfernung den ersehnten Grenzübergang. Die Schließung für Autos war offenbar nur ein Gerücht.

Wenige Minuten später werden wir von bayerischen Grenzpolizisten in der BRD begrüßt. Schirnding. Ziel erreicht. In einem Zelt direkt neben der Gulaschkanone löffle ich zitternd aus einem Plastikteller meine Suppe. Ein Reporter der ARD stellt mir ein paar Fragen. Schon kurze Zeit später habe ich vergessen, was er eigentlich von mir wollte. Es ist kurz vor Mitternacht, wir fahren wieder. Diesmal durch den goldenen Westen, unser neues Ziel heißt „Auffanglager“.

Meine erste Fahrt durch den „goldenen Westen“ erlebte ich am 5. November spätabends, aber hellwach auf meinem Wartburg-Rücksitz. Der Weg führte von Schirnding an der tschechoslowakischen Grenze bis ins knapp 100 Kilometer entfernte Nabburg. Die Aufregung der letzten Stunden, das ewige Warten an der BRD-Grenze und die erlösende Nachricht, dass wir nun tatsächlich westdeutschen Boden betreten haben, sorgten für ein dauerhaftes, schweigsames Kopfschütteln. Waren wir nun wirklich dort, wo alle immer hinwollten? Als wir eine Stunde später Nabburg erreichten, war es stockdunkel und eisekalt für eine Novembernacht. Und es roch hier in dieser kleinen Stadt in der Oberpfalz keinesfalls besser als in der Heimat. Lag vielleicht auch daran, dass es auf dem Parkplatz dieser schlichten, grauen Bundesgrenzschutzkaserne genau so aussah wie in der Heimat. Eine Reihe an Zweitaktern, nur selten unterbrochen von Marken wie Audi oder Golf. Wir durften uns hier fortan mit 2 weiteren Familien ein Zimmer teilen, und mit allen anderen auf der Etage einen einzigen, großen Duschraum. Wildfremde Frauen und Männer die gemeinsam duschen. Seltsam.
Vorübergehend bestand unser neues Heim nun aus einem Tisch, einem Schrank und 3 Betten. Mir war übel. Was für ein Tauschgeschäft. Ich liebte unser Haus in Leipzig, schließlich hatte ich hier schon die meiste Zeit meiner frühen Kindheit bei meinen Großeltern verbracht. Kein pompöses Haus. Klein, aber fein, in ruhiger Lage mit viel Grün drumrum. Doch das war nun Geschichte. Wiederkehr unmöglich. Ich war im Westen, und wenn nicht irgendein gigantisches Wunder passieren würde, dann hieße das, mein Leipzig, meine Freunde und Klassenkameraden niemals wieder zu sehen. Für mich klang der Begriff „BRD“ plötzlich bedrohlich. Aus dem einen sogenannten Gefängnis ausgebrochen um nun gefühlt im nächsten zu sitzen. Zumindest fühlte ich mich so am nächsten Morgen in dieser bayerischen Kaserne.
„Was ist jetzt eigentlich unser großer Plan?“, wollte ich beim Frühstück wissen.
„Wir müssen für ein paar Tage hier bleiben, um das bürokratische zu erledigen. Uns anmelden und das Begrüßungsgeld abholen. Danach geht’s weiter nach Ratzeburg. In der Nähe von Lübeck. Da wohnen Freunde von uns, da werden wir erstmal unterkommen.“
„Aha.“
Es vergingen 3 Tage des Wartens. Mit Streifzügen durch den Ort, mit Abstechern in den nahe gelegenen Wald und mit ersten Ausflügen in den Supermarkt. Da, wo wir Situationen erlebten, die man sich mittlerweile nur noch schwer vorstellen kann. Wo uns die Kassiererin ansah, dass unser Portemonnaie nicht unbedingt prall gefüllt sein kann und uns deswegen Schokotafeln schenkte. Wo uns eine andere Kundin einfach so 10 DM zusteckte mit den Worten: „Kaufen Sie sich was Schönes! Und herzlich willkommen!“
Beim Frühstück am 9. November hieß es dann: „Wir können heute nach Weiden aufs Amt fahren und unsere Unterlagen und das Geld abholen. Du bleibst aber hier im Lager. Oder du gehst einfach ein bisschen spazieren im Ort. Mal schaun, wie lange das bei uns dauert.“
Ich entschied mich für eine ausgiebige Erkundungstour durch den verschlafenen Ort. Mit einem kleinen Abstecher in den Zeitungsladen. Wo ich erstmals Magazine sah mit nackten Frauen auf dem Cover. Kein unbedeutender Anblick für einen 15jährigen, der die Woche bereits in die peinliche Situation kam, mit einem etwas älteren Mädel zur selben Zeit zu duschen. Das waren doch recht viele Eindrücke für eine relativ kurze Zeit.

Zurück im Lager, die Sonne ist längst untergegangen, sitze ich nun in der Kantine und schreibe in meinem Tagebuch. An der Wand hängt ein Fernsehgerät, das ZDF ist eingeschaltet, doch der Ton ist fast aus. Irgendwo im Raum sitzen eine Hand voll weitere Flüchtlinge, die ebenso versuchen die Bilder im Fernsehen zu deuten. Irgendwas muss passiert sein. Der Kantinenkoch stellt für uns den Ton lauter. Der heute-Sprecher wirkt ziemlich nervös: „….dass von sofort an DDR-Bürger direkt über alle Grenzübergänge zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland ausreisen dürfen.“ Es dauert verdammt lange, bis ich für mich realisiere, was das bedeutet. Was das für uns bedeutet. Wäre ich jetzt daheim, würde ich heulen vor Glück. Aber so. Mir schwirrt nur ein einziges Wort durch den Kopf: „Warum?“. Warum haben wir nicht noch 4 Tage gewartet mit unserer Flucht? Warum sind wir jetzt hier und nicht da, wo es passiert?

Als meine Eltern mich in der Kantine finden, muss ich einen ziemlich konsternierten Eindruck machen. „Ist alles in Ordnung mit dir?“ „Schon.“ sage ich „Aber die Grenzen sind offen. Die Mauer fällt.“ „Wir haben einen echt langen Tag hinter uns, also erzähl bitte keinen Quatsch!“
Einer aus der Traube, die sich um den Fernseher versammelt hat, dreht sich um und bestätigt: „Könn’se glauben. Hat der Schabowski vorhin gesagt. Das hätten wir uns hier alles sparen können.“ Am nächsten Morgen sitzen wir mit neuen Dokumenten und Begrüßungsgeld in unserem Wartburg. Das Ziel: Ratzeburg in Schleswig-Holstein.
 

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radio SAW-Moderator Ingolf Kloss
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