Mord an Chinesin in Dessau

Zwei Verdächtige in U-Haft / Eltern des Mordopfers kritisieren Chef der Dessauer Staatsanwaltschaft / Ermittler prüfen weiteren Todesfall
Montag, 30. Mai 2016

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In diesem Haus in der Dessauer Johannisstraße soll die Chinesin ermordet worden sein.
In diesem Haus in der Dessauer Johannisstraße soll die Chinesin ermordet worden sein.

Nach dem Mord an der 25 Jahre alten chineischen Studentin Yangjie Li in Dessau werden die Ermittlungen nochmals ausgeweitet. Neben der Dessauer Mordkommission, der Polizeidirektion Halle und der Dessauer Staatsanwaltschaft sind nun auch das Landeskriminalamt und die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt mit Sitz in Naumburg involviert. Indes werden immer mehr Ungereimtheiten bekannt.

Seit dem 23.5. sitzen zwei Tatverdächtige in U-Haft. Der 20-jährige Mann, Sohn einer Polizistin und Stiefsohn des Leiters des Dessauer Polizeireviers, und seine gleichaltrige Partnerin werden des Sexualmordes an einer Architekturstudentin bezichtigt, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Folker Bittmann sagte. Gestanden hätten die beiden jungen Leute die Tat bislang aber nicht. Vor dem Haftrichter hatten beide weitere Aussagen verweigert.

Die Leiche der Chinesin war am 13. Mai in einer Grünanlage in einem Hinterhof an der Hausmannstraße in Dessau gefunden worden, nahe dem Anhaltischen Theater im Dessauer Zentrum. Die Studentin war zwei Tage zuvor zum Joggen aufgebrochen und nicht wieder zurückgekehrt. Sie starb laut Obduktion an schweren Verletzungen am Kopf und im Gesicht. In der Stadt ging die Angst um, dass Jogger besonders gefährdet seien. Auch ein fremdenfeindlicher Hintergrund wurde zunächst nicht ausgeschlossen. Beides hat sich laut Staatsanwaltschaft aber nicht bestätigt.

Der tatverdächtige 20-Jährige hatte sich selbst bei der Polizei gemeldet und gesagt, die bei der Getöteten gefundene DNA könne von ihm stammen. Einen Tag vor dem Verschwinden der Chinesin hätten er und seine Freundin sich mit ihr zum einvernehmlichen Sex zu dritt getroffen. Sie habe anschließend das Haus aber wieder verlassen. Ähnliche Angaben habe auch die Lebensgefährtin gemacht.

Die Aussagen stehen im Widerspruch zu Zeugenaussagen, wonach die Studentin zum Zeitpunkt des angeblichen Treffens beim Joggen und anderswo gesehen worden sei. «Nach diesen Angaben ist auszuschließen, dass die Äußerungen der Tatverdächtigen - zumindest was den Zeitpunkt angeht - zutreffen würden.» Hinweise auf andere Tatverdächtige gibt es laut Bittmann nicht.

Das Motiv des Pärchens und der genaue Tathergang sind weiterhin unklar. Das Opfer wurde laut den bisherigen Ermittlungen in einer leerstehenden Wohnung in dem Mietshaus in der Dessauer Johannisstraße getötet. Im Haus soll das Pärchen bis vor kurzem gelebt haben. Es wurden auch Blutspuren gefunden, die augenscheinlich von der Tat stammen. «Wir können davon ausgehen, den Tatort identifiziert zu haben», sagte Bittmann. Spuren würden darauf hindeuten, dass der leblose Körper aus einem Fenster im Erdgeschoss gehievt wurde.

Im direkt an das Haus grenzenden Hinterhof war die Leiche der Chinesin am 13. Mai gegen 11 Uhr von Polizisten entdeckt worden.

Polizeiintern wird inzwischen auch gegen die Eltern des 20 Jahre alten Verdächtigen ermittelt. Dadurch soll geprüft werden, ob sie früher oder aktuell Einfluss auf Ermittlungen genommen haben könnten. Die Mutter des Mannes hatte selbst für die Mordkommission gearbeitet, sagte aber, dass sie keinen Zugang zu Akten oder dergeleichen hatte. Der Stiefvater des Mannes, der Dessauer Polizeirevierchef, soll zudem zwei Tage vor der Festnahme bei der Beräumung der Wohnung der Verdächtigen geholfen haben. Die genauen Umstände sind unklar. Während die Polizeiführung ermittelt, hatte die Dessauer Staatsanwaltschaft bislang keine Anhaltspunkte für offizielle Ermittlungen gegen die Eltern gesehen.

Zwischenzeitlich ist die Staatsanwaltschaft Dessau in die Kritik geraten. Die Eltern der ermordeten Chinesin sind nach Angaben von Professor Rudolf Lückmann, Vertrauensperson der Eltern, empört, dass von der Staatsanwaltschaft die Behauptung des mutmaßlichen Täters veröffentlich wurde, die Studentin habe sich freiwillig mit den Verdächtigen getroffen. Die Eltern der Chinesin sind seit weiterhin in Dessau, um die Ermittlungen zu verfolgen. Der Vater, selbst Kriminalbeamter, will sich zudem im Laufe der Woche den Leichnam seiner Tochter ansehen und selbst die Fakten prüfen. Zudem soll diese Woche dann die Leiche eingeäschert werden, auch eine Trauerfeier ist geplant. Ort und Zeit werden nicht genannt.

Der Chef der Dessauer Staatsanwaltschaft, Folker Bittmann, darf sich indes nicht mehr offiziell äußern. Sein Vorgesetzer, der Generalstaatsanwalt, hat die Hoheit für die Öffentlichkeitsarbeit in dem Fall auf die übergeordnete Behörde übertragen. Die Ermittlungen selbst bleiben jedoch der Staatsanwaltschaft in Dessau zugeordnet, bei einer erfahrenen Staatsanwältin. Gegen Bittmann haben die Eltern der Chinesin inzwischen eine Dienstaufsichtsbeschwerde gestellt, weil dieser bei einer Pressekonferenz eine Behauptung des mutmaßlichen Täters bekannt gegeben hatte. Die Eltern sehen dadurch die Ehre ihrer Tochter verletzt.

Im Zusammenhang mit dem Mordfall öffnen die Ermittler außerdem die Akten in einem weiteren Todesfall. Im Oktober vergangenen Jahres war das gemeinsame Kleinkind der beiden Tatverdächtigen gestorben. Es hatte damals bereits polizeiliche Ermittlungen gegeben, die aber zumindest vorläufig keine strafrelevanten Ansätze ergeben hatten.

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